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Polen setzt das Asylrecht einfach mal so aus. Kritik an dieser Verletzung von Europa- und Vökerrecht gibt es nicht. Polen ist zu wichtig. |
Die EU-Kommission sitzt mitten in Feindesland, im belgischen Brüssel ausgesetzt einer rechtsextremen Regierung. Dänemark hat sich brüsk abgewandt von den gemeinsamen Werten. die die dortige sozialdemokratische Administration jammert über eine Überforderung durch Schutzsuchende. Als Kniefall vor den Usurpatoren in Washington verstieg sich Regierungschefin Mette Fredricksen sogar zu der Aussage, sie "betrachte Massenmigration als eine Bedrohung für das Alltagsleben in Europa". Niemand hat ihr widersprochen, nicht einmal aus Deutschland kam ein Machtwort.
Kontinent im Rutschen
Da kippt etwas. Ein Kontinent gerät ins Rutschen. Österreich steht kurz davor, den Familiennachzug auszusetzen, der als unerlässlich für die immer gelingendere Integration von immer mehr Zufluchtsuchenden gilt. Das postfaschistische Italien versucht, die ihm zustehenden Geflüchteten in Albanien zu kasernieren. Gegen den Willen italienischer Gerichte, aber in vorauseilendem Gehorsam der EU gegenüber, die das Ausschaffen in exterritoriale Abschiebelager in ihrem sogenannten "Guantanamo-Plan" bereits verabschiedet hat, aber noch auf grünes Licht aus den angeschlossenen Hauptstädten wartet. Noch ein, zwei Jahre, vielleicht auch drei, dann wird es soweit sein. Wie in einem gemeinsamen rechtsraum wie Gleiches in der gesamten Eu gleich behandelt werden.
Doch die widerstrebenden Kräfte sind mächtig. Die wankende französiche Adminstration legt die Axt die Grundlagen Europas: Neben einer erneuten Überarbeitung des nach zehnjährigen Verhandlungen gerade erst fertiggestellten europäischen Migrationspakts will Emmanuel Macronn nun auch ran an das Schengen-Abkommen, ein Dokument, das lange sinnbildlich für Freiheit und Freizügigkeit in Europa stand.
Griechenland hat einen Rechtsextremen zum Flüchtlingsabwehrminister ernannt. Tschechien will die Grundrechte aller acht Milliarden Menschen weltweit einschränken und seine Türen für Bedürftige schließen. Und als wäre das nicht Bedrohung genug für eine Staatengemeinschaft, die sich mit dem Migrations- und Asylpaket bereits neun Jahre nach dem Beginn des großen Zustroms bietet "einen umfassenden und gemeinsamen europäischen Rahmen für die Migrationspolitik" (Ursula von der Leyen) gegeben hatte, schießt jetzt auch noch Polen quer.
Ausgerechnet Polen
Ausgerechnet Polen. Und ausgerechnet jetzt. Obwohl die deutsche Kommissionspräsidentin mehr alas deutklich geamcht hatte, dass sie die europäische Migrationspolitik nicht aus der Hand geben wird, provoziert die Regierung in Warschau die 26 Wertepartner mit einem demonstrativen Alleingang. Wegen einer vermeintlichen "Notlage" setzt die Regierung von Donald Tusk das in den europäischen verträgen, aber auch im Völkerrecht als unveräußerlich garantierte Asylrecht extralegal aus. In Polen dürfe nur noch Asyl beantragen, wer legal eingereist sei, hat die erst seit anderthalb Jahren regierende liberalkonservative Bürgerkoalition des alten europäishcen dauerfunktionärs Tusk mit zwei Oppositionsparteien kurzerhand verkündet.
Der Schritt richtet sich gegen Flüchtlinge, die aus Belarusdemfrüherenweißrussland und den übrigen Gebieten im Osten flüchten, um sich vor Putins Schergen in Sicherheit zu bringen. Tusk, lange Zeit als einer der vernünftigen Musketiere gelobt, die Europa vor den Angriffen aus Washington und Moskau schützen, wirft den Schutzsuchenden vor, von Putin eingeschleust zu werden, um sein Land zu destabilisieren.
Schritt der Verzweiflung
Für Tusk ein Schritt der Verzweiflung: Als Deutschland vor einigen Monaten die Grenzkontrollen auf alle seine Landgrenzen ausweitete, obwohl das früheren Erklärungen nach unmöglich, aber auch vollkommen unsinnig ist, war der Ärger in Polen groß. Wer nach Deutschland nicht hineinkommt, ist verdammt dazu, in Polen zu bleiben. Noch größer wurde die Aufregung an der Nato-Ostflanke, als Kanzlerkandidat Friedrich Merz im Wahlkampf versuchte, mit seinem Versprechen der Schließung der deutschen Grenzen und der Zurückweisung aller Flüchtenden am rechten Rand zu fischen.
Ministerpräsident Donald Tusk protestierte laut und empört gegen den geplanten "inakzeptablen Verstoß gegen das Schengen-Abkommen für freies Reisen innerhalb der EU". Der 67-Jährige, mit allen politischen Wasser gewaschen und mit der vor 20 Jahren versprochenen Einführung des Euro in Polen gescheitert, erfüllte damit alle Erwartungen, die das freie und demokratische Europa mit seiner Rückkehr nach Warschau verbunden hatte. Nach Jahren der Herrschaft der rechtspopulistischen PiS der Kaczyński-Brüder, die aus deutscher und europäischer Sicht einen autoritären Staatsumbau vorantrieben, durch den zuallererst die unabhängige Justiz beseitigt wurde, kehrte mit Tusk ein ausgebildeter Demokrat in den Warschauer Regierungspalast zurück.
Peinliche Flucht vor dem Volkszorn
Vergessen waren die peinlichen Umstände, die den studierten Historiker 2014 zur Flucht nach Brüssel gezwungen hatten: Mitglieder seiner Regierung waren bei Absprachen über zu stürzende Widersacher, beim Schmieden von Plänen zur Aufhellung der Stimmung der Bevölkerung mittels Notenpresse und beim Hetzen gegen den seinerzeit noch demokratisch geführten amerikanischen Verbündeten ertappt worden. Wie einst Cem Özdemir nach seiner Krawattenaffäre überwinterte Donald Tusk im europäischen Exil. Und nach seiner Rückkehr nahm er den "Kampf um die Demokratie in dem EU-Land" (Die Zeit) sofort wieder auf.
Polen wurde zu Europas Musterschüler: Wehrhaft, weltoffen und kriegstüchtig überwand das Land den üblen Ruf, den die vielen Schlagzeilen über den schrecklichen Demokratieabbau im Nachbarland bei Deutschen erzeugt hatten, die immer noch Vorurteilen über faule Polen anhängen. Deren Begeisterung für Regierung unter PiS-Rechtsfaschisten stieß in Deutschland auf breite Ablehnung, auch das Festhalten des Nachbarn an seinem Zloty wurde als Affront begriffen. "Als ob unser stabiler Euro ihnen nicht gut genug ist", schimpften Menschen in Bautzen und Essen. Doch alle Bemühungen der EU, die bockigen Polen zu ihrem eigenen Besten erziehen, fruchteten nicht. Erst Donald Tusk brachte Besserung.
EU-Feinde ohne Mehrheit
Aber eben nur kurzzeitig. Nach acht Jahren an der Macht verlor die Partei von Jarosław Kaczyński die Macht. Sie bekam zwar die meisten Stimmen. Verlor aber die Mehrheit im Sejm und fand keine Koalitionspartner, die mit ihr weiter auf einem Kurs steuern wollten, der Polen zur Atommacht machen sollte, sich für Vertragsverletzungen nicht entschuldigt und die großen Medien im Land als Magd benutzt, die Größe und die Schönheit der eigenen Agenda zu propagieren.
Tusk kam als Weißer Ritter, ein Unbestechlicher, der die Rückkehr zu den gemeinsamen europäischen Werten versprach, die polnischen Grenzen mit "brutalen Pushbacks" (HRW) vor Schutzsuchenden abschirmte und die von Jarosław Kaczyński erfundene Legende von der russischen Fleischwaffe mit weitaus größerer Überzeugungskraft an die EU-Partner verkaufte. Den immer noch als "liberal" bezeichneten Regierungschef hat das offenbar in seiner Überzeugung bestärkt, dass Polen als Frontstaat im äußersten Osten der EU keinerlei Nachfragen oder gar Proteste mehr fürchten muss, wenn das Land aus innenpolitischen Gründen ohne Ankündigung oder Absprache mit den Partnern eigene Wege geht.
Aussetzung der Asylregeln
Für die Aussetzung der Asylregeln führt Tusk eine Überforderung durch die Vielzahl der Zuströmenden an - knapp 1,300 Personen waren es im Februar, hochgerechnet auf das Gesamtjahr müssten die 36 Millionen Polen mit fast 16.000 Neuankömmlingen rechnen. Das wäre etwa ein Vierzehntel der Anzahl, die Deutschland im vergangenen Jahr aufgenommen hat - anders gesagt: In Deutschland kam ein Neuankömmling auf 36 Einwohner. In Polen wird es in diesem Jahr einer auf 2.250 Einwohner sein.
Dass der polnische Präsident Andrzej Duda das "Gesetz zur Beschränkung von Asylanträgen" ohne weitere europa- und völkerrechtliche Bedenken in Kraft gesetzt hat, ähnlich schnell wie Walter Steinmeier in der vergangenen Woche die Grundgesetzänderungen prüfte und bestätigte, spricht dafür, dass alles daran in Ordnung ist. Duda, einst Gefolgsmann der rechtspopulisten, ließ daran auch gar keinen Zweifel: "Ich habe unterzeichnet, weil ich denke, dass dies notwendig ist zur Stärkung der Sicherheit unserer Grenzen, schrieb er bei X.
Nur deutsche Pläne sind inakzeptabel
Kritik aus Europa, das seit 2015 zielgerichtet darauf hinarbeitet, eine schnelle gemeinsame Lösung für den Zustrom zu finden, bleibt aus. So "inakzeptabel" bisher jeder deutsche Plan war, deutsche Grenzen zu schließen, so verständlich scheint die allumfassend mit dem Kampf gegen Russlands hybride Angriffe begründete Aussetzung von polnischen, europäischem und Völkerrecht selbst denen, die jeden Versuch, Grenzen auch nur ein wenig zu überwachen, als Attacke auf alle verbliebenen Grundwerte kritisieren.
Gerade noch drängten die Grünen, Deutschland möge seine symbolischen Kontrollen an der polnischen Grenze umgehend einstellen. Sie seien "rechtlich nicht haltbar und ein offener Angriff auf die europäischen Grundwerte". Die SPD stellt sich in den Koalitionsgesprächen jeder Änderung des offenen deutschen Grenzregimes in den Weg. Der EU-Partner Luxemburg hat vorsorglich auch schon gemahnt: Grenzkontrollen dürften nur "maßvoll" sein. Ganz anders der Tenor nach dem "Knalleffekt in der EU" (Heute). Still, ganz still bleibt es. Weder von den Grünen noch von den Linken noch von der
SPD kommt ein Einspruch gegen die Unterminierung aller gemeinsamen Werte und vertraglichen Verabredungen.
Betretenes Schweigen in Brüssel
Auch die Europäische Kommission, eigentlich Hüterin der Verträge, verkneift sich zaghaft jeden Kommentar zu der Entscheidung, die Polen im Dezember angekündigt hatte. Polen führt derzeit den Vorsitz im Europäischen Rat, Polen gilt zudem als eines von nur zwei, drei Ländern der EU, die vom Kreml als ernsthaftes Hindernis auf dem Weg zur 4.000 Kilometer vor Moskau liegenden Seefestung Sagres (Fortaleza de Sagres) betrachtet werden. Wenn Russland versuche, mit mehreren hundert eingeschleusten Geflüchteten im Monat "die Migration anzufachen, um Staaten zu destabilisieren" (Nancy Faeser), dann hat das so hybrid angegriffene Land auch jedes Recht, sich mit einem Bruch der europäischen Verträge gegen die Offensive zu wehren.
Außer, das Land heißt Deutschland.