Oh ja, sie können es noch und Sie können es vielleicht sogar besser als die grüne Armee vor der letzten Bundestagswahl. Damals hatte die große Kampagne Öffentlichkeit und Medien nur erfolgreich vorgespielt, dass ihr Kanzlerkandidat Robert Habeck auf den Flügeln der Liebe einer großen Bevölkerungsmehrheit ins Kanzleramt der Republik fliegen würde. Beim Nachfolgeunternehmen sieht es jetzt aus, als könne der Wunsch der Initiatoren Wirklichkeit werden.
Seit Wochen hat sich die Grüne Netzfeuerwehr auf die Bundeswirtschaftsministerin eingeschossen. Derzeit scheint es, als habe das Vorhaben einige Chancen, erfolgreich zu enden. Auch die SPD hat Reiche inzwischen den Krieg erklärt. Der Kanzler hat ihre die Rückendeckung entzogen. Und Teile der CDU fordern, die 47-Jährige müsse aus dem Kabinett entfernt werden.
Die Reiche-raus-Kampagne
Der Druck, den die Strippenzieher der Reiche-raus-Kampagne aufgebaut haben, zeigt Wirkung. Dabei profitieren die Beteiligten von einem entscheidenden Unterschied zum gescheiterten Feldzug für den "Bündniskanzler". Damals galt es, positiv motivierende Botschaften auszusenden. Heute geht es allein um destruktive Vorhaltungen. Es muss nicht jemand zum Riesen aufgebaut werden, in kurzer Zeit und auf schwankendem Boden. Es reicht, jemanden zu vernichten.
Daran arbeiten die Beteiligten seit Monaten, beharrlich und ohne nachzulassen. Im Netz finden sich unzählige Einträge, die Katherina Reiche zum Grundübel der schwarz-roten Krisenkoalition erklären. Sie sei am Scheitern der 15 Jahre lang mit höchstem Elan betriebenen Energiewende schuld. Sie habe vor anderthalb Jahrzehnten schon, seinerzeit noch als ganz kleine Abgeordnete, den Aufschwung der deutschen Solarindustrie brutal abgewürgt. Jetzt strebe Reiche an, ihr Vernichtungswerk zu vollenden.
Schlimm war zuerst, dass die neue Ministerin versuchte, die klugen und weitsichtigen Pläne ihres gescheiterten Vorgängers Robert Habeck umzusetzen und Deutschlands Energieversorgung durch den Bau von Dutzenden Erdgaskraftwerken zu stabilisieren. Später herrschte helle Aufregung, weil sie versuchte, Deutschlands Energieversorgung durch den Bau von Dutzenden Erdgaskraftwerken zu stabilisieren, ohne zugeben zu wollen, dass sie nur umsetzte, was der beste Wirtschaftsminister aller Zeiten geplant hatte.
Unterm Joch der Fossilen
Reiche wolle die Deutschen dauerhaft unter das Joch teurer fossiler Energie zwingen. Die Klimakatastrophe befeuern, indem sie die Einspeisevergütung für wohlhabende Solaranlagenbetreiber streiche. Sie versuche, die Reste der deutschen Industrie zu erhalten und hasse grünen Wasserstoff ebenso inbrünstig wie grünem Stahl und grünen Zement.
Auch bei der Entlastung der Bürgerinnen und Bürger wegen der hohen Treibstoffpreise dürfe niemand auf Frau aus Brandenburg hoffen. Sie sei es, die verhindere, dass Steuern gesenkt und Abgaben gestrichen würden, die einst eigens eingeführt worden waren, um Fleisch, Heizen, Fliegen und Fahren "so verdammt teuer" zu machen, "dass wir davon runterkommen" (Lorenz Beckhardt, "Tagesschau").
Mit den Medien verscherzt
Katherina Reiche hat es sich mit der politischen Konkurrenz verscherzt. Und mit den Medien. Der marktwirtschaftliche Kurs, dem die Ministerin folgt, passt nicht in einer Zeit, in der die Anhänger von Planwirtschaft und Dirigismus vom Aufbau eines neuen Sozialismus mit marktwirtschaftlichem Antlitz träumen. Vom ersten Tag an passte die in Luckenwalde geborene Diplom-Chemikerin nicht in eine Ministerrunde aus Kommunarden und ressortfremden Laienspielern.
Reiche ist eines der wenigen Kabinettsmitglieder mit Branchenerfahrung. Sie ist eine von nur drei Ostdeutschen und als Frau gehört sie noch einer weiteren Minderheit an. Nicht bei den den Westdeutschen, die in allen demokratischen Parteien die Mehrheit der Mitglieder stellen, eckt die Mutter dreier Kinder damit an.
Auch die in Köln, Hamburg, München und Frankfurt residierenden Großmedien können nichts anfangen mit einer Frau, der als Ostdeutscher tief im Westen zumindest eine kurze Managerkarriere gelang. Und das auch noch bei einem Unternehmen, dessen größter Aktionär ein Konkurrent ist, der sich wiederum zu einem Gutteil im Besitz der öffentlichen Hand befindet.
Gegen die Ehe für alle
Das ist zu kompliziert. Das passt in kein gewohntes Muster. Reiche ist nicht die typisch geduckt gehende Ostdeutsche. Sie betont ihren christlichen Glauben, war gegen die Ehe für alle, aber für Stammzellenforschung. In der früheren Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, die 1998 mit Mitte 20 zum ersten Mal in den Bundestag einzog, mischen sich konservative Wertvorstellungen mit marktwirtschaftlichen Überzeugungen.
Reiche hat einen rationalen Blick auf die Kernkraft. Sie warnte schon vor 20 Jahren, dass der Atomausstieg Deutschland zwingen werde, "neue fossile Kraftwerke zu bauen, was den Klimaschutzzielen zuwiderläuft".
Der längst vergessene CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber berief sie 2002 in sein Schattenkabinett. Schon damals empörte sich das Establishment der alten Bonner Republik über die Nominierung: Reiche war nicht verheiratet. Kölns Kardinal Joachim Meisner, der Mann, der seine geheime private Aktensammlung über pädophile Priester unter dem Namen "Brüder im Nebel" führte, prangerte das als "Demontage des christlichen Ehebildes" an. Ein Spitzentreffen der Deutschen Bischofskonferenz beklagte den Verfall der guten alten Sitten.
Wechsel in die Wirtschaft
Stoiber kam nicht in die Verlegenheit, Reiche wirklich zur Ministerin zu machen. Unter Merkel musste sich Reiche mit Posten als Staatssekretärin bescheiden. 2015 machte sie schließlich Schluss mit der Politik. Offiziell begründete Katherina Reiche das mit einem "Wechsel in die Wirtschaft", sie wurde Hauptgeschäftsführerin beim Verband kommunaler Unternehmen der Länder. Unter der Hand aber wisperte es im politischen Berlin, dass der Vorsitzenden des Nationalen Wasserstoffrates der Bundesregierung die ganze ideologische Linie der Merkel-Administration nicht passte.
Im Laienspielorchester des Merz-Kabinetts zieht die Tochter eines Chemikers die Blicke auf sich. Während andere Minister auch nach einem Jahr im Amt noch kaum bekannt sind oder ihre Bekanntheit allein ihren besonders hartnäckigen Bemühungen beim Abfeilen der Bürgerrechte verdanken, hat es Katherina Reiche mit Sachkenntnis, Eloquenz und Freundlichkeit auf die Liste der zehn beliebtesten Politiker geschafft. Das gelang ihr nicht wie dem Dauertabellenführer Boris Pistorius, indem sie sorgsam vor der Öffentlichkeit verbarg, wofür sie steht und was sie will. Sondern durch ein absichtsvoll geschärftes marktwirtschaftliches Profil.
Zwischen Markt und Staat
Muss sich Reiche zwischen Markt und Staat entscheiden, tendiert sie stets zum Markt. In der DDR geboren, die nur aus Staat bestand, glaubt sie fest, dass erfolgreiche Unternehmen Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen und auf diese Weise zum Wohlergeben der Menschen innerhalb der Gesellschaft beitragen. Ist der Staatsapparat zu groß, beschäftigt er sich nur noch mit sich selbst, glaubt Reiche - eine Sichtweise, die quer zum sozialistischen Konsens in der Koalition steht.
Kein Wunder also, dass die zugleich auch als Energieministerin fungierende Wirtschaftsministerin Kritik magisch anzieht. Ihre Gegner belassen es nicht bei inhaltlichem Widerspruch, sie werden gern persönlich. Die sorgfältig orchestrierte Anti-Reiche-Kampagne spricht ihr nicht nur die Eignung zur Ministerin ab, sie bezichtigen sie auch, im Auftrag dunkler fossiler Mächte zu agieren, keine Ahnung von ihrem Metier zu haben, die Inkompetenz in Person und eine Marionette der Erdgas-Industrie zu sein und - trotz einer insgesamt verheerenden Bilanz - Friedrich Merz kardinalster Fehler. Selbst ein CDU-Sozialpolitiker forderte die Auswechslung von Katherina Reiche.
Geschmutzelt und gehasst
Es wird geschmutzelt, es wird misogyner Hass Marke "Was macht Katherina Reiche eigentlich beruflich?" (Christian Stöcker) zelebriert wie eine heilige Messe. "Besonders die Grünen haben es auf Reiche abgesehen", weiß die Frankfurter Rundschau, die tief in der Szene steckt. Die ähnlich konfigurierte "Zeit" merkt zwar nachdenklich an, "ihre Ideen sind nicht so übel, wie ihre Kritiker behaupten". Doch die verblüffende These dient nur der Pflege der "Erinnerungen an ihren Vorgänger Robert Habeck", der nur durch die berühmte "hasserfüllte Heizhammer-Kampagne" gestürzt worden sei.
Warum soll das bei Reiche nicht gelingen. In Deutschland hat der Hass auf Menschen, die Erfolg und Geld haben, eine lange Tradition. Geht gar nichts mehr, geht Neid immer noch steil. Und nachdem viele traditionell gern gehasster Minderheiter steht eine zuverlässig zur verfügung: Reiche als Gruppe, gern sortiert in Kategorien wie "Manager", "Spekulanten" (Franz Müntefering), "Milliardäre" oder neuerdings "Überreiche".
Der Name ist ideal
Katherina Reiche ist schon vom Namen her ideal geeignet, die gesamtgesellschaftliche Kritik an den Zuständen auf sich zu ziehen. Als "unfähige, überhebliche Eiskönigin" wird sie geschmäht, "inkompetent" sei sie, "beispiellos illoyal", sie würde Klimaziele "ins Lächerliche", nur weil sie einerseits unerreichbar sind, andererseits die Wirtschaft strangulieren. Einfach ein "Totalausfall", wie der oft als "Pöbel-Ralle" kritisierte SPD-Spitzenmann Ralf Stegner sich über Reiches "Polemik gegen die SPD" beklagte.
Es fuchst die Gegner der Ministerin am meisten, dass Katherina Reiche bisher alle Angriffe ihrer Gegner ignoriert. Weder hat sie die versuchten schäge unter die Gürtellinie als "Hasskampagne der Maskulinisten" noch die dabei verbreiteten offenkundigen Fehlinformationen als "Fake News" angeprangert.
Sie hat es schwerer als Männer
Reiches eigene Truppen verzichten darauf, von einer pro-russischen Kampagne zu sprechen, wie es das Handbuch der politischen Selbstverteidigung eigentlich vorschreibt. Und sie lässt keine Kulturschaffenden für sich in die Bütt gehen, um der Gesellschaft ins Gedächtnis zu rufen, dass es ihr "schwerer gemacht als den Männern" (Tanja Dückers). Nicht einal Anzeige gegen ihre Hater hat sie erstattet, obwohl gemeinnützige Organisationen wie Hate Aid Betroffene von digitalem Hass durch Beratung, emotionale Unterstützung und Prozesskostenfinanzierung unterstützen, ganz unabhängig von Herkunft oder politischer Einstellung.
Nein, die CDU-Politikerin bringt ihre Widersacher durch eiserne Rationalität zur Weißglut. Nie wirkt Reiche so als könne sie sich nichts anderes für ihr künftiges Leben vorstellen als einem Ministerium vorzustehen, das nicht im Sinne von Grünen, Linken und Sozialdemokraten agiert. Die Solarkraftwerke von "Villenbesitzern nicht weiter zu subventionieren" (Die Zeit), das kommt nicht gut an in den Bionadevierteln der Republik. Die Stromnetze erst auszubauen, ehe noch mehr Zusatzlast hochgefahren wird, das stört die Planwirtschaftler in Koalition und Opposition.
Der Streit um die Energieentlastungen ist eine Kraftprobe, die Katherina Reiche mit Absicht gesucht hat. Die Frau, die im Moemnt ein wenig angeschossen wirkt, hat Ambitionen. Ihr Lebensgefährte Karl-Theodor zu Guttenberg weilte gerade bei der Bilderberg-Konferenz in Washington, als einziger Vertreter aus dem politischen Berlin.

