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| Eine der Erkennungszeichnungen für russische Tiefflieger, wie sie im Rahmen von "Steel Porcupine" benutzt werden. |
Sie flogen immerdar, mitten in Deutschland. Überall. Ruhelos. Sobald die zuständigen Luftabwehrbehörden auftauchten, waren sie verschwunden. Was hatten sie gewollt? Wenn sollten sie provozieren? In den Medien raunte es von Putins neuester verschlagener Strategie: Dem Kremlherrscher kam es darauf an, Deutschland in Unruhe zu versetzen, um die europäische Kernmacht der Nato zu einer verzweifelten Reaktion zu verleiten.
Das neue Luftsicherheitsgesetz
Es gelang. Mit dem "Neuen Luftsicherheitsgesetz (Drohnenabwehr)" beschloss der Bundestag auf dem Höhepunkt der hybriden Angriffe weitreichende Änderungen im Luftsicherheitsgesetz. Drohnen sollten nun besser abgewehrt werden können, vor allem über sensiblen Bereichen wie Flughäfen und Regionen mit kritischen Infrastruktur. Dazu bekam die Bundeswehr die Befugnis, im Landesinneren aktiv zu werden - natürlich nur auf Anforderung der Bundesländer und im Rahmen der Amtshilfe wie bei Hochwassern, Erdbeben oder Waldbränden. So will es das Grundgesetz.
Einsetzen darf sie dann aber auch Kamikazedrohnen. Zumindest, sobald welche angeschafft sind. Das kann noch dauern, denn die Mühlen der Aufmunitionierung mahlen langsam. Aber zugleich hat es die längste Zeit gedauert.
Länger geht immer
Mehr als ein Jahrzehnt hatten Sozialdemokraten, Linke und Grüneie jede Ausrüstung der deutschen Streitkräfte mit Drohnen abeglehnt. Man lehne "jede Vollautomatisierung der Kriegführung" ab, hieß es im "Abschlussbericht der SPD-Projektgruppe zur Frage der Bewaffnung von Drohnen" im Oktober 2021. Man habe nämlich "grundsätzlich erhebliche Vorbehalte gegen eine Politik der Aufrüstung" und insbesondere gegen Waffengattungen, bei denen die eigenen Soldaten auf dem Feld der Ehre nicht mit offenem Visier sterben.
Noch im August 2025, das freie Europa stand nach offizieller Zählung im dritten Jahr im Abwehrkampf gegen Putins Horden und inzwischen hatten zumindest SPD und Grüne ihr Herz für den Militarismus, die Wehrfähig- und Kriegstüchtigkeit entdeckt, kam im Aufrüstungskonzept von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius zwar ein "Weltraumkommando" vor. Aber das Wort "Drohne" fand sich nicht in der Aufzählung, wie viele tausend Leopard-2-Panzer und "Kampffahrzeuge" der Sozialdemokrat für die anstehenden Feldschlachten bestellen will.
Gesetzlicher Hochlauf im März
Es dauerte dann noch weitere drei Monate, ehe die Drohnenabwehr gesetzlich hochgefahren war. Doch Putin hatte sein Ziel offenbar schon erreicht, denn seine Drohnenangriffe hatten aufgehört. Auch Ursula von der Leyen, die Deutschlands rigorosen Kurswechsel im Oktober mit ihrer Ankündigung eingeleitet hatte, dass EU-Europa einen "Drohnenwall" rund um "unseren gesamten Kontinent" bauen werde, sprach nicht mehr von dem enormen Vorhaben. Das hat sie auch später nie wieder getan.
Wenig überraschend, denn so hielt es die Kommissionsvorsitzende zuvor schon beim Health Emergency Preparedness and Response (HERA), mit dem zu Pandemiezeiten eine neue Generaldirektion der Europäischen Kommission aus der Taufe gehoben hatte, die vom Hauptsitz für "Krisenvorsorge und -reaktion" zuständig ist. Auch den "Green Deal", die Mondlandung Europas im Kosmos der Klimaneutralität, beerdigte die 67-Jährige nicht offiziell. Sie erwähnte ihn nur irgendwann nicht mehr.
Weit und breit kein Drohnenwall
Der Drohnenwall, in nur vier Wochen nach dem ersten Auftauchen der Rätseldrohnen in Funk und Fernsehen ausgedacht und als fliegende Worthülsenfabrik zu einem kurzen Höhenflug gestartet, erlitt dasselbe traurige Schicksal. Eigentlich hatte die fliegende Brandmauer gegen Putin Teil des "Stählernen Stachelschweins" (Steel Porcupine) sein sollen, das die Kommissionspräsidentin schon zum dritten Jahrestag des Kriegsbeginns im Osten in Dienst stellte. Die frühere deutsche Verteidigungsministerin aber war schon immer eher lautstarke Verbalkriegerin als eine Politiker, die ernsthaft Pläne schiedete, um sie zu realisieren.
Die "Porcupine Strategy" kam also nur noch einmal zum Einsatz. Als die Kommissionschefin bei einem Besuch anlässlich des 4. Jahrestages stolz verkündete, man habe nun zwar doch nicht wie geplant die russischen Vermögen in die Finger bekommen. Aber die von der EU nach Kiew überwiesenen 90 Milliarden Euro nannte sie nun ein "Darlehen für das stählerne Stachelschwein Ukraine". Das war übriggeblieben vom "ein Schutzschild für unseren gesamten Kontinent", der "die Grenzen an Land, auf See und in der Luft" (von der Leyen) sichern werde.
Wiedermal ein bisschen Schwund
Ein bisschen Schwund ist immer und alles lässt sich nicht verhindern. das meiste sogar überhaupt nicht, Stachelschwein hin oder her. Seit Wochen schon vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Drohnen aus dem russischen Luftraum in den der Nato-Staaten Litauen, Lettland und Estland eindingen. Medial hat man sich darauf geeinigt, nur in längeren Beiträgen und dann nur ganz am Ende darauf zu verweisen, dass es sich um ukrainische Drohnen handelt. So wird gewährleistet, dass beim unbedarften Leser der Eindruck hängenbleibt, es müssten russische sein.
Manchmal fallen sie vom Himmel. Manchmal werden sie abgeschossen. Immer aber ist ein wenig Glück dabei. Stachelschwein hin, Drohnenwall her: Obwohl die Luftstreitkräfte der baltischen Staaten gewant sind und obwohl sie Unterstürzung von Abfangjäger-Alarmrotten (Quick Reaction Alert) aus den anderen Nato-Staaten haben, die im Rahmen der NATO-Mission Baltic Air Policing den baltischen Luftraum schützen, kommt dauernd etwas durch.
Würde Putin wollen
Würde Putin wollen, er könnte. Niemand würde ihn aufhalten. Dank der weitsichtigen Politik von CDU, SPD und Grünen, die auch dreizehn Jahre nach der Erkenntnis, dass das Militär weltweit "längst auf den Einsatz von Drohnen setzt" noch hinhaltend verhinderten, dass auch das deutsche Milität das tun kann, besitzt die Bundeswehr, eine Armee, die im vergangenen Jahr 62,43 Milliarden Euro ausgab, derzeit rund 600 Drohnen. Das entspricht einem einzigen ukrainischen Tagessatz.
Die Alarmrotten aber sind immer zu spät. Mittlerweile sind die als "mutmaßlich ukrainisch" bezeichneten Drohnen über Estland, lettland und Litauen erfolgreich im Begriff, das größte und mächtigste Militärbündnis der Welt ohne einen Schuss und ohne russisches Zutun bis auf die Knochen zu blamieren. Gerade erst wurde eine Drohne, die auf russische Ziele gerichtet war, von rumänischen F-16 abgeschossen. In Litauen flüchtete die Staatsspitze vorübergehend in Bunker gebracht. In Lettland dagegen trafen die Flugkörper die Regierung: Nach dem Verteidigungsminister trat jetzt auch Regierungschefin Evika Silina wegen der als "Vorfälle" bezeichneten Luftraumverletzungen zurück.
Sehr weitab vom Kurs
Die Lage ist vertrackt, denn schließlich sind es die verbündeten Ukrainer, deren "mit Sprengstoff beladene Drohnen" eben erst in der Region Utena gefunden wurden. Auch dieser Umstand ist erklärungsbedürftig: Utena liegt mehr als 200 Kilometer westlich von Russlands Grenze.
Eine Drohne, die hier abstürzt - die betreffende tat es, ohne dass Alarmrotten tätig werden mussten - ist zuvor entweder den mehr als 500 Kilometer langen Weg über Belorusslandasfrpüherweißrussland geflogen, ohne von der Luftabwehr des mit Russland verbündeten Diktators Alexander Lukaschenko entdecktuind abgeschossen zu werden. Oder sie muss, weil sie durch die "elektronische Kriegsführung der Russen" vom Kurs abgekommen ist, wie es offiziell heißt, den Luftraum des Verbündeten Lettland unbemerkt und unbekämpft überflogen haben.
Nun sind sie halt da
Peinlich ist das eine. Peinlich ist das andere. Doch jetzt sind sie halt da. Mal muss der Flughafen in Vilnius wegen eines Drohnenalarms geschlossen werden. Mal fällt eine Drohne zufällig auf ein Öllager, was medail als "trifft ein Öllager" noch akuter klingt. Und dann immer diese Funde abgestürzter Ufos. Und nie gelingt es, selbst den versiertesten Forensikern nicht, aus dem "mutmaßlich ukrainisch" ein "tatsächlich ukrainisch" zu machen.
Um das rätselhafte Phänomen des permanent versagenden Drohnenwalls Menschen zu erklären, die womöglich gerade ein Landkarte vor sich liegen haben, setzen die Pressestellen auf das in der Corona-Zeit bewährte Paradoxon der zwei parallelel Wahrheiten. Damals tanzten die Schwestern und Pfleger in völlig überlasteten Krankenhäusern. Heute werden die Drohnen in 900 bis 1.000 Kilometern Entfernung an der ukrainisch-russischen Grenze gestartet, von dort fliegen sie ungestört über das Smolensker Seenland und Nowgorod Richtung St. Petersburg.
Russland wartet bis zum Schluss
Erst dort lenkt Russland sie elektronisch Richtung Estland, Lettland und Litauen, um "die Spannungen in unserer Region zu verschärfen und gleichzeitig eine koordinierte Desinformationskampagne gegen die baltischen Staaten zu führen", wie der litauische Präsident Gitanas Nauseda das wundersame Geschehen nach einem Gespräch mit seinen Amtskollegen Alar Karis (Estland) und Edgars Rinkevics (Lettland) erklärt hat. Die Idee: Im Grunde ist es Russland, das das Baltikum mit Hilfe ukrainischer Drohnen angreift. "Auch russische Aktionen mit erbeuteten ukrainischen Drohnen sind theoretisch denkbar", erklärt die Hannoversche Allgemeine Zeitung.
Es muss so sein, denn die Ukrainer können ihre Drohnenattacken auf Russland nicht aus dem Nato-Luftraum starten, weil das einer Kriegserklärung des Bündnisses an die Russen gleichkäme. Folglich muss die ukrainische "Fähigkeit zu Deep Strikes" herhalten, um das "Rätsel um Drohnenfunde im Baltikum" (Frankfurter Rundschau) wenn schon nicht zu lösen, so dann doch wenigstens mit dem Satz "viele Fragen sind offen" für unlösbar zu erklären. Man müsse eben "der Sicherheit der Ostflanke noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken", heißt es.
Völlig haltlose Lüge
Russland, das über Landkarten verfügt, wirft den drei baltischen Staaten bereits seit einiger Zeit vor, der Ukraine zu gestatten, von ihrem Boden aus Drohnen Richtung Russland zu starten. Belege dafür legte der Kreml nicht vor, doch der Geheimdienst SWR behauptet, dass ihm die "Koordinaten der Entscheidungszentren in Lettland bekannt" seien. Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja hat die These vor dem UN-Sicherheitsrat wiederholt. Die drei Außenminister Estlands, Lettlands und Litauen dementierten den Vorwurf als "völlig haltlos" und bezichtigten den Kreml der Lüge.
Fakt ist, dass es "zweifellos Lücken" (HNA) im Drohnenwall der Ursula von der Leyen gibt, Lücken, die insgesamt größer sind als der Wall selbst. Während Deutschland durch sein neues Drohnenrüstungsprogramm rechtzeitig vor 2029 sicher sein wird - für die kämpfende Truppe besitzt die Bundeswehr heute schon 160 mit Wurfnetzen ausgerüstete Argus-Drohnen, ab 2027 treffen die ersten Kamikazedrohnen und ab 2029 auch die Jagdbomberdrohnen ein - muss die mehr als 3.000 Kilometer lange Nato-Ostflanke schnell sicherer werden. Dazu braucht es ein weiteres Machtwort der Kommissionschef, beim Einsatz der neue fürchterlichen "Tötungsinstrumente" (Taz) auf Augenhöhe mit den beiden aktiven Kriegsteilnehmern zu kommen.
Ein fliegendes Wällchen
Auch dei Kommission muss dazu Farbe bekennen. Für die bisher geplante Investitionssumme von vier Milliarden lässt sich nich einmal ein fliegendes Wällchen errichten. Allein um die NATO-Ostgrenze zu Russland, Belarus und der Ukraine wirksam abzusichern, wäre der Bau von 50 bis 60 Drohnenflughäfen erforderlich. Größere Abstände sind nicht möglich, weil jeder Stützpunkt unter Berücksichtigung der typischen Reichweiten von Drohnen nur einen Bereich von etwa 50 Kilometern Breite abdecken kann.
Ein wirklich dichter "Abwehrschirm" (von der Leyen) müsste mit 1.000 kleinen Aufklärungsdrohnen, 200 mittleren und wenigstens zehn schweren Drohnen pro Stützpunkt ausgestattet sein. Eine DJI FlyCart 30 gibt es bereit zum Preis von 18.000 Euro, eine Black Hornet kostet aber bereits 100.000 Euro pro Stück. Die schweren Reaper, hergestellt von General Atomics und bekannt aus Hollywood-Filmen wie "Land of Bad" mit Russel Crowe, kosten schon weit mehr als eine Million Euro pro Stück.
Im Idealfall werden zur Abdeckung der gesamten Grenze drei Millionen kleine Drohnen, eine halbe Million größere und wenigstens 25.000 schwere Kampfdrohnen gebraucht. Die Kosten für die Starausrüstung dieses Drohnenwall-System liegen - großzügige Herstellerrabatte bereits eingerechnet - bei mehr als 300 Milliarden Euro. Um die 60 Stützpunkte rund um die Uhr zu besetzen und die Drohnen jederzeit einsatzbereit zu halten, werden zudem umfangreiche neue Truppenteile aufgestellt werden müssen. Nach Bundeswehr-Maßstäben liefen dadurch jährliche Personalkosten von 150 bis 200 Millionen Euro auf.
Die Armierung des Drohnenwalls
Wirklich kostspielig am Drohnenwall wird die Infrastruktur. Das Beispiel der US-Drohnenbasis in Agadez (Niger), die 100 Millionen Euro kostete, zeigt, dass selbst bei sparsamster Bauweise mit modularen Hangars, einer Piste von zwei Kilometern Länge und ein paar Mannschafstunterkünften mit vier bis fünf Milliarden Euro gerechnet werden muss. Mit Betriebskosten ergibtsich daraus eine Gesamtinvestitionssumme von um die 500 Milliarden Euro. Geld, das es wert wäre, ausgegeben zu werden.

