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| Wissenschaft ist unbestechlich, wer ihre Erkenntnisse infragestellt, ist ein Leugner und Feind des Fortschritts. |
Die Wissenschaft war noch nie so unbestechlich, wie sie sich selbst gerne darstellt. Seit jeher hat sie mit der Autorität eines unfehlbaren Orakels gesprochen – und wer ihre jeweils herrschende Lehrmeinung anzweifelte, galt immer als Feind des Fortschritts, als Leugner, als Gefahr für die Ordnung.
Ob es die Kirchenväter waren, die Aristoteles zur unantastbaren Autorität erhoben, oder die sozialistischen Despoten, die jeden Widerspruch an ihren Methoden mit der Keule der wissenschaftlichen Lehren von arx, Engels und Lenin zusammenschlugen. Was richtig war, bestimmte eine Mehrheit, die auch falsch liegen konnte. Wenn es so war, stellte sich das jedoch immer erst heraus, wenn es für die Minderheit zu spät war.
Leidenschaftlicher Antrieb
Gelernt hat daraus niemand. Heutige Akademiker, Politiker und Medien sind nicht skeptischer den eigenen Überzeugungen gegenüber. Sie sind vielmehr haben häufig aus eigenem Antrieb noch leidenschaftlicher in der Bekämpfung widersprechender Andersmeinender.
Forscher, die Ergebnisse anders interpretieren, werden als "Leugner" gebrandmarkt. Gegen Medien, die anders argumentieren, werden Vorwürfe erhoben, wie sie aus der Geschichte sehr gut bekannt sind. Sie würden von "Milliardeären" aus eigentnützigen Motiven heraus finanziert. Politiker, die Problemlösungen dort suchen, wo das eingespielte System der Parteien zum Ende kommt, die immer regiert haben, wird bescheinigt, sie stünden im Dienst fremder Mächte.
Das Muster bleibt gleich
Das Muster bleibt dasselbe. Die Institution, die gerade das Sagen hat, erklärt ihre Modelle zur unumstößlichen Realität. Abweichler werden nicht durch bessere Argumente widerlegt, sondern moralisch erledigt. Im Idealfall sollen sich ihre Behauptungen nicht herumsprechen, indem ihnen jede Möglichkeit genommen wird, sie zu verbreiten. Die Methode funktioniert seit hunderten von Jahren nicht. Sie hat versagt, als die Römer versuchten, das Christentum auf diese Weise aufzuhalten. Sie half den christlichen Potentaten in Rom später nicht, ihre ptolemäische Sphärenharmonie zu verteidigen und das heliozentrische Weltbild zu verboeten.
Wer das seinerzeit verteidigte, galt als Ketzer. Das Wort wird heute nicht mehr verwendet, um Menschen zu bezeichnen, die bestimmte Modelle der Klimawirkung, der Virologie oder der Geschlechterbiologie kritisch sehen. Doch die Ersatzvokabeln "Leugner" und "Wissenschaftsfeind" sind nicht liebevoller gemeint.
Niemand Kaum jemand kommt wegen falscher Meinungen noch ins Gefängnis. Gefoltert wird gar nicht mehr. Doch die Rhetorik ändert sich kaum: "Der wissenschaftliche Konsens ist eindeutig", "es gibt keinen ernsthaften Zweifel" und "nur Verschwörungstheoretiker stellen das infrage", sind die stärksten Argumente der Verteidiger einer Wissenschaft, die Stellen von Fragen eingestellt hat.
Wissenschaft als Machtinstrument
Dabei zeigt die Geschichte, dass Wissenschaft nie ein reiner Erkenntnisprozess war, sondern immer auch Machtinstrument. Und Macht duldet keine ernsthaften Herausforderer. Wird sie auf die Probe gestellt, bedient sie sich skrupellos jeder Art von Hokuspokus, um Zweifler oder Andersgläubige zu vernichten.
"Der Prozess des Doktor Paolicci" zeigt dieses alte, blutige Spiel vor dem Hintergrund Roms im 17. Jahrhundert. Ein Gelehrter wird vor ein Tribunal geführt, das im Namen von Vernunft, Glaube und Ordnung die einzig erlaubte Weltsicht verteidigt. Der greise Wissenschaftler ist aufgrund des eigenen Augenscheins überzeugt, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Doch ihm gegenüber sitzen nicht nur Kirchenführer, die diese Erkenntnis für unvereinbar mit der Bibel halten. Sondern auch Wissenschaftler, die einen Beutel voller wissenschaftlicher Argumente dabeihaben, die belegen, dass Paolicci irrt.
Der Prozess des Doktor Paolicci
Im Gerichtssaal steht die Luft. Draußen brennt die italienische Sonne, drinnen ist es schwül unter der kühlen Gewaltandrohung der Macht. Kardinal Terremoto, dessen Bassstimme wie aus einer Gruft dringt, eröffnet die Befragung zur Sicherstellung der Beweise. Vor ihm sitzt Doktor Paolicci, Professor der Naturphilosophie und Theologie, ein Mann von aufrechter Haltung und fester Überzeugung. Neben ihm sein Anwalt Vincenzo, der alte Mönch, der die Szene mit wachsender Sorge beobachtet.
Terremoto beugt sich vor, die kleinen dunklen Augen funkeln. "Doktor, erkennen Sie an, dass der Einsatz von Auge und Geist ein rechtmäßiger Weg zur Interpretation der Natur ist?" Paolicci nickt gemessen. "Ja, wir können uns dem Geist Gottes durch all seine Werke annähern – nicht nur durch die Heilige Schrift, sondern auch durch seine Architektur."
Auf Nummer Sicher
Der Kardinal will auf Nummer sicher gehen. "Und es kann keinen Widerspruch zwischen beiden geben?" Da sind sich Richter und Angeklagter einig: "Gewisslich nicht", sagt der Professor. Damit schnappt die Falle leise zu. Terremoto fragt nach dem, weshalb alle hier sind. Nach den kopernikanischen Auffassungen. Paolicci lächelt dünn. Er habe sie studiert, sagt er, sowohl aus philosophischer als auch aus gläubiger Sicht. Die entscheidende Frage, ob er es für haltbar erachte, "dass die Erde eine rotierende Kugel ist, ein Planet wie Jupiter und Saturn, und um die Sonne kreist, mit ebender Sonne als Zentrum des Universums?", die müsse er mit Ja beantworten.
Das ist Ketzerei. Der Professor überantwortet sich damit der Gnade des Gerichtes. Terremoto schüttelt den Kopf über so viel Dummheit. Doch hier wird ordentlich Gericht gehalten. Niemand wird abgeurteilt, ehe nicht alle Beweise eingeführt, gedreht und gewendet wurde. Der erste Zeuge ist ein Wissenschaftskollege Paoliccis.
Gebeugt, aber aufrecht
Professor Massuli ist großgewachsen, er geht etwas gebeugt, hält aber aufrecht zu den Positionen, die schon immer richtig waren. Befragt, ob er Paolicci zustimme, was die Planetenbahnen betreffe, sagt er: "Das tue ich nicht. Das kopernikanische System ist unmöglich. Die Welt ist gestaltet, wie in der Bibel beschrieben und wie sie schon vor den Tagen unseres Herrn Christus von Männern größter Weisheit verstanden wurde. Ich beziehe mich im Besonderen auf die Lehren des Aristoteles."
Mit ruhiger, fast dozierender Stimme trägt Massuli seine Einwände vor. Eine rotierende Erde? Dann müsste ein gewaltiger, nie endender Wind tosen. Fallende Steine würden zur Seite geschleudert. Doch jeder Stein fällt senkrecht – "mit der größten Präzision, die auszumachen das Auge befähigt ist". Des Mneschen Sinne lügen nicht. Sie bestätigten, was die Wissenschaft weiß.
Und die Sonne als Zentrum? Dann müssten die Fixsterne im Lauf eines Jahres Parallaxen zeigen, Kreise, Ellipsen am Himmel beschreiben. "Doch keine solche Bewegung ist zu sehen." Die Konstellationen stehen unverändert. Der Bär, Kassiopeia, Orion – sie bleiben, wo sie immer waren. Das Auge und der Geist sind in Harmonie mit den geheiligten Lehren. Die Bibel hat, wie sollte es anders sein, recht!
Im Namen der Bibel
Kardinal Terremoto bohrt nach. Ob nicht das heliozentrische System die komplizierten Planetenbahnen eleganter erkläre, die rückläufige Bewegung des Mars etwa. Massuli bleibt ungerührt. Das ptolemäische System sei zwar kompliziert, aber das kopernikanische beruhe auf wenigen, zudem zweifelhaften Beobachtungen. Kepler mit seinen Ellipsen? Ein mathematischer Behelf, der die göttliche Harmonie der Kreise zerstöre und obskure Kräfte einführe, wo doch Engel die Himmelskörper bewegen. Und wenn sie das tun, dann immer in Kreisbahnen, denn Gott baut perfekt, nicht mit krummen Linien.
Der Professor wird geradezu poetisch, als er die vollkommene Struktur des Universums beschreibt: Kugelförmig, hierarchisch aufgebaut, von Engeln bewegt, mit der Erde im Zentrum der Unvollkommenheit und den Sphären der Vollkommenheit darüber. Ein unendliches Universum? Undenkbar. Pluralität der Welten? Unvereinbar mit der Heilsgeschichte.
Fangfragen und Feindseligkeit
Kardinal Borghese, der Beisitzer, der mit offener Feindseligkeit auf den Gefangenen und seinen Anwalt blickt, stellt dem Angeklagte Paolicci daraufhin eine Fangfrage: "Kann ein Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glauben auftauchen?" Es sei nur ein scheinbarer Widerspruch, sagt Paolicci. Man müsse das, was sei, anders interpretieren, dann passe alles wieder wunderbar zusammen. Der Wissenschaftler im Zeugenstand hingegen antwortet kühl: "Da kein solcher Widerspruch möglich ist, entbehrt Ihre Frage der Bedeutung. Wo kein Widerspruch sei, könne ein Anschein dessen nur im Kopf des Türken, des Juden oder des Ketzers reifen.
Terremoto lässt den Schreiber vermerken, dass Paolucci weder Türke noch Jude sei. Die Ironie hängt schwer im Raum. Sie ist bedrohlich, denn seinem Zweifel bleibt damit keine Ausrede. Die weiteren Zeugen, Forscher aus Bologna, Pisa, Neapel und Venedig, alle eigens angereist, bestätigen einhellig die offizielle Lehre. Die Hitze im Saal wird drückend. Die Verhandlung wird unterbrochen. Die Schlinge um den Hals des Angeklagten zieht sich zu und zuer.
Kluge Leute auf Beweissuche
Kluge Leute sind hier versammlt, die nach den richtigen Erkenntnissen suchen. "Gelangen Sie zu ihren Ansichten durch die Beweiskraft der Naturphilosophie und nicht aus reinem Glauben oder vermittels der Ansichten von Gelehrten des Altertums?", fragt der Vorsitzende Richter. Sein Angeklagter verbeugt sich zustimmend. "Dann können wir vielleicht mit der Hypothese einer rotierenden Erde beginnen", sagt Terremoto. "Was spräche dafür?" Paccolini sagt ihm, doch das Kopschütteln im Saal ist allgemein.
Der nächste Zeuge formuliert es aus. "Würde die Erde wahrhaftig rotieren, was geschähe dann mit der Luft? Es gäbe einen gewaltigen, immer andauernden Wind. Alle Körper ohne Bodenkontakt würden in eine einzige Richtung davonwirbeln. Ein fallender Stein würde zur Seite fortschießen, wenn er die Hand verließe." So viel ist sicher, die Wissenschaft hat es bewiesne. "Auch von den höchsten Türmen, die wir besitzen, fällt ein Stein geradewegs nach unten. Es besteht keine wahrnehmbare Abweichung von der Vertikalen. Die Erde muss daher notwendigerweise stillstehend sein, übereinstimmend mit den Beweisen, die unsere Sinne liefern."
Verwerfliche Hypothesen
Genauso sieht es mit der Sonne aus, die nachweislich nicht das Zentrum aller Dinge sein kann. "Würde die Erde wahrhaftig um die Sonne kreisen, wie Kopernikus behauptete, dann würden die Sterne droben diese Bewegung widerspiegeln. Im Verlauf eines Jahres würde jeder von ihnen anscheinend einen kleinen Weg am Himmel zurücklegen." Tun sie das? Beschreibt ein Stern, der im rechten Winkel vom Tierkreis entfernt ist, einen Kreis am Himmel? Kein einziger! "Keine solche Bewegung ist zu sehen, weil die Erde nicht um die Sonne kreist."
Die verwerfliche Hypothese, dass die Sterne wie die Sonne sind, nur viel weiter weg, muss nicht lange zerredet werden. Sie bizarr, widerspricht sie doch der Tatsache, dass die gesamte Welt auf eine Sphäre beschränkt ist, so das der angebliche unendliche Raum um die Erde herum nicht existieren kann. "Gäbe es ihn, würden sich die Sterne in unterschiedlichen Entfernungen von uns befinden" In diesem Fall würde aber ein parallaktischer Effekt zur Folge haben, dass die Konstellationen im Laufe eines Jahres ihre Form verändern. Ist das so? Oder stehen Bär, Kassiopeia und Orion stehen unverändert am Himmel? "Das tun sie, also sind Auge und Geist in Harmonie mit den geheiligten Lehren. Die äußersten Grenzen der Welt sind durch die kristallinische Sphäre abgesteckt, in die die Sterne eingebettet liegen."
Das alte Lied in neuem Gewand
Was sich hier abspielt, ist kein mittelalterliches Relikt, sondern ein zeitloses Ritual. Die Institution – damals die Kirche, heute oft die akademisch-mediale Allianz – definiert, was als "Wissenschaft" gilt und welche Ergebnisse die richtigen sind. Wer die herrschende Kosmologie - oder Klimatheorie, oder Genderdoktrin - anzweifelt, wird nicht mit Gegenbeweisen, sondern mit moralischer Ächtung konfrontiert. Die Methoden haben sich verfeinert, die Rhetorik ist säkularer geworden. Doch das Prinzip bleibt: Die Wahrheit ist bereits gefunden. Wer sie infrage stellt, stört die Harmonie der Sphären.
Die Struktur des Universums sei wissenschaftlich gesehen genauso wie sie sein solle. "Sie findet ihre vollkommenste Beschreibung in der Summa Theologica des Thomas von Aquin", lobt Massolini. Die größte Unvollkommenheit existiere auf Erden, wo Menschen Zweifel hegten. "Aber wenn wir sterben, steigen die Seelen der Gesegneten auf durch die himmlischen Sphären, und eine jede Sphäre des Himmels ist vollkommener als die vorangegangene." Auch die Zweifler würden dann erkennen, was die Forschung längst bewiesen habe: "Der Himmel – und Gott, mit Christus zu seiner Rechten – befinden sich jenseits der Sphäre der Fixsterne, wie Aristoteles sie beschreibt".
Die Vernunft des Systems
Kardinal Terremoto glaubt fest an die Vernunft seines Systems. Er ist überzeugt, Auge und Geist stünden auf seiner Seite. Jahrhunderte später wissen wir, dass er sich irrte und der angeklagte Professor recht hatte. Die Erkenntnis kommt für den Kopernikaner zu spät. Er wird damals zum Tod auf dem scheiterhaufen verurteilt und nur durch die Intervention einer der mächtigen italienischen Familien vor der Hinrichtugn gerettet. Mit der Auflage, sich nie mehr öffentlich zu wissenschaftlichen Fragen zu äußern.
Als der Prozesstag sich dem Ende neigt, werden die Fragen grundlegender. Paolicci lässt sich verleiten, die Hypothese Brunos zu wiederholen, dass das Universum unendlich ist. Das sorgt für Empörung, denn ein unendliches Universum ist einleuchtenden Gründen undenkbar. "Eine Pluralität der Welten würde eine Vielzahl von Planeten mit sich bringen, auf denen eine Vielzahl an Menschen lebt." Die aber könnten nicht von Adam abstammen und sie könnten auch nicht der Erlösung durch Christus teilhaftig werden. Die Wissenschaft ist diesbezüglich unbestechlich: Ist das so, dann kann es nicht sein. "Kein Christ könnte anderes glauben", gibt der Kardinal Terromot seinem Sünder mit auf den Weg in die Zelle.
Die Gerichtsverhandlung wurde für zwei Tage unterbrochen. Die Richter nahmen sich Zeit für das Urteil. Doch wie es ausfallen würde, wusste jeder. Es ging schließlich nicht um irgendeinen Angeklagten. Sondern um die Verteidigung der Wissenschaft.

