Der Bundesinnenminister machte ein Krisengesicht. Die Stirn umwölkt, die Mundwinkel ernst gefaltet. Alexander Dobrindt ließ die Öffentlichkeit an seinen Sorgen um die Sicherheit Deutschlands freimütig teilhaben. Der Fund einer Drohne mit Sprengstoff am Flughafen Leipzig/Halle, entschärft durch einen beherzten Busfahrer, offenbare eine "neue Gefahrenqualität". Die Urheber des Anschlags sehe er "nicht im Amateurbereich". Nicht auszuschließen seien "fremde Mächte", die hitler der "professionellen Bedrohungslage" stäcken.
Und schließlich sagte er, worauf alle schon gebannt warteten: Es handele sich um ein "hybrides Anschlagsszenario". Es war der Augenblick, so fasste es der Sender Antenne Bayern wenig später zusammen, an dem die hybride Bedrohung ein "nie gekanntes Level" erreichte. Hybride Angriffe waren "in Deutschland angekommen" (T-Online). Glasklar war, dass "Putins hybride Bedrohung heute schon jeden treffen" kann, wie der "Focus" analysierte, der den "hybriden Krieg eskalieren" sah. Deutschland stehe faktisch "unter Dauerbeschuss", assistierte die FAZ, es gehe jetzt nur noch darum, "hybride Angriffe abzuwehren".
Alles ist hybrid
Alles ringsum ist auf einmal "hybrid". Nichts, was passiert, ist es nicht. Es gibt hybride Angriffe auf Flughäfen, hybride Kampagnen im Internet. Hybride Identitäten und hybride Männlichkeit. Hybride Kampagnen. Hybride Treffen und ein "breites Spektrum hybrider Gefahren". Unternehmen fürchten hybride Krisen, denn der "hybride Krieg respektiert keine Grenzen, die Front ist überall", wie ein Experte im "Spiegel" aufklärt.
Zwar rüstet etwa Hessen bei der Spionageabwehr für die hybride Kriegsführung auf. Doch die "Lichtgeschwindigkeit", mit der Erkenntnisse aus Zeitenwenden in Deutschland umgesetzt werden, finden ihre Schranken in der politischen Physik: Von der ersten Warnung vor möglicherweise drohenden Drohnenangriffen bis zur Erkenntnis "nun sind sie halt da" (Angela Merkel), dauert es anderthalb Jahrzehnte.
Ein mundgerechtes Stück Propagandadeutsch
Sehr viel schneller hat die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) im politischen Berlin auf die sich anbahnende neuerliche Legitimationskrise der deutschen Sicherheitspolitik reagiert. Mit der Vokabel "hybrid" gelang es den Propagandadichtern, Worthülsendrehern und Bedeutungsingenieuren, den Abwehrspielern in der deutschen Landesverteidigung einen Begriff in den Mund zu legen, der bislang vor allem in der Verkehrswende Erfolge gefeiert hatte.
Ein gewagter Kniff. "Hybride", das waren bis vor einigen Monaten Fahrzeuge, die dem Ideal vom E-Auto nicht ganz entsprachen. Sich aber im Dienst der guten Sache auf die Seite des Fortschritts zählen ließen: Indem in einem ersten Schritt Benzin- und Diesel-Verbrenner getrennt gezählt werden und in einem zweiten Schritt reine E-Autos und Plugin-Hybride zusammengezählt werden, kommen Elektroautos in Deutschland auf einen Marktanteil von 40,7 Prozent. Verbrenner haben nur noch 31,7 Prozent.
Ein Wortwunsch aus der Bundespolitik
Ein Trick, an dem sich das Spezialistenteam der BWHF ein Beispiel nahm, als es vor zwei Jahren auf Wunsch der Bundespolitik daran ging, einen neuen Code für alle Krisenfälle zu erschaffen. Im damals aktuellen Fall ging es um die gezielte Veröffentlichung eines Gesprächsmitschnitts einer Webex-Sitzung hochrangiger Bundeswehrsoldaten. Unter Leitung des Inspekteurs der Luftwaffe Ingo Gerhartz hatte die Gesprächsrunde Möglichkeiten erörterte, wie sich deutsche Taurus-Marschflugkörper so einsetzen lassen, dass sie Russland schmerzhaft treffen, eine Mitwirkung Deutschlands an ihrem Einsatz aber nicht nachweisbar wäre.
Russische Agenten hatten die unverschlüsselt geführte Debatte mitgehört und den Mitschnitt online veröffentlicht. Leugnen zwecklos - doch mit der von der BWHF gelieferten Formulierung, bei der Veröffentlichung handele es sich um ein "Musterbeispiel hybrider Informationskriegsführung" war die Debatte beerdigt. Wer sie hätte weiterführen wollen, wäre zum unbezahlten russischen Söldner geworden, der dabei hilft, einen "individuellen Fehler" aufzubauschen.
Eine sagenhafte Karriere
"Hybrid" hatte erstmals seine ganze Deutungsmacht gezeigt. Seitdem hat das Luftwort eine sagenhafte Karriere hingelegt. Vor drei Jahren außerhalb technischer Bezüge noch kaum genutzt, gilt das Adjektiv heute als einer der Basisbegriffe der politischen Propaganda. Ohne den Zusatz "hybrid" geht kaum noch etwas. Keine Pressekonferenz von Sicherheitsbehörden und keine Terrorwarnung kommt ohne die Erwähnung aus.
Routerhacks und Mordpläne, Migration und Matroschka-Seiten, Fake-News-Kampagnen und X-Posts - alles ist hybrid. Und wie. Das frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" verwendete das Wort in den ersten 45 Jahren nach seiner Gründung 166 Mal. In den 20 Jahren danach wurde es 4.121 Mal eingesetzt.
Die Adjektivierung der Zeit
"Hybrid", ausgesprochen wie hübrid, ist die Adjektivierung der Zeit. Das Wörtchen, abgeleitet vom Griechischen ὕβρις hýbris‚ das ehemals für "Übermut" und "Anmaßung" stand, gelangte durch einen langen Transformationsprozess über das Lateinische "hybrida" für "Bastard" oder "Mischling" bis ins postmoderne Politikerdeutsch.
"Hybrid" bedeutet eigentlich "von gemischter Herkunft" oder "aus Verschiedenartigem zusammengesetzt", wird aber von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) generell auch zur Verwendung in Zusammenhängen empfohlen, in denen es nichts zu suchen hat. In der Handreichung der BWHF heißt es dazu, mit dem Einsatz des Begriffs gelinge es in der Regel, sich "um die richtige Antwort auf die Attacken" (T-Online) herumzudrücken, indem deren perfider Charakter betont werde.
Die Würze jeder Bedrohungslage
"Hybrid" würzt jede Bedrohungslage mit einer Prise Unwägbarkeit - nie weiß das Publikum genau, was der Sprecher meint oder ob er weiß, was er sagt. Auch am Leipziger Anschlagsversuch war genaugenommen nicht "hybrid". Aber "Bedrohung" ohne "hybrid" klingt dünn und dürftig, die Hinzunahme von "hybrid" würzt jede Bedrohungslage, indem sie ihr einen Hauch von Dringlichkeit hinzufügt.
Auch international kommt die in der BWHF erdachte Strategie an: So arbeitet die EU schon lange an der "Erstellung zweier Werkzeugkästen zur Abwehr hybrider Bedrohungen". Einerseits geht es dabei um die "EU Hybrid Toolbox" zur Abwehr allgemeiner hybrider Bedrohungen, andererseits um die "EU Foreign Information Manipulation and Interference Toolbox", die von "Hybrid Rapid Response Teams" gezielt gegen "Desinformation und ausländische Einmischung" eingesetzt werden soll, um "die Integrität der demokratischen Prozesse und Institutionen der EU" zu schützen.
Die Definition ist variabel
Der große Vorteil an diesem Verfahren ist, dass "die Definitionen hybrider Bedrohungen und Kampagnen variieren" (EU), um flexibel bleiben zu können. Was heute noch homogen ist, ein Angriff wie aus einem Guss, kann morgen schon zu einer hybriden Attacke erklärt werden, "um eine angemessene Reaktion auf die sich entwickelnde Natur der Bedrohung zu ermöglichen" (EU).
Eine "hybride Bedrohung" kann jede koordinierte schädliche Aktivität sein, "die mit bösartiger Absicht geplant und durchgeführt wird", so erläutert die Handreichung der BWHF, die in Zusammenarbeit mit dem European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats (Hybrid CoE) erarbeitet wurde. "Eine Zusammenarbeit, mit der wir sehr glücklich sind", erklärt Rainald Schawidow, dem es als Chef der Bundesworthülsenfabrik gelungen ist, aus dem einstigen DDR-Kombinatsbetrieb VEB Geschwätz ein europaweit anerkannte Institution zu machen.
Die letzte verbale Verteidigungslinie
Die BWHF gilt heute als letzte verbale Verteidigungslinie zwischen europäischen Staaten und Institutionen und hybriden Angreifern, die mit einer Vielzahl von Mitteln versuchen, Regierungen, Parteien und Behörden bloßzustellen. "Diese Mittel können Informationsmanipulation, Cyberangriffe, wirtschaftlicher Einfluss oder Zwang, verdecktes politisches Manövrieren, Zwangsdiplomatie oder Drohungen mit militärischer Gewalt umfassen", erklärt Schawidow.
Der BWHF-Chef, lange Jahre selbst erfolgreichen Worthülsendreher am Begriffsband, gesteht offenherzig ein, wie es zum jüngsten Aufschwung bei der Verwendungshäufigkeit von "hybrid" gekommen sei. Lange hätten solche Taktiken dem Lehrbuch zufolge kombiniert werden müssen, um als "hybrid" anerkannt zu werden. "Seit aber jedes Sicherheitsrisiko auch eine ernste Bedrohung für die Demokratie darstelle, haben wir entschieden, dass es ausreichend ist, wenn Attacken darauf abzielen, die Gesellschaft zu zerbrechen und die politische Entscheidungsfindung zu untergraben."
Es muss nichts gemischt werden
Hybride Kampagnen sind seitdem so definiert, dass nichts mehr gemischt oder aus verschiedenartigen Angriffsvektoren kombiniert werden muss. "Alles, was unterhalb der Schwelle bleibt, die eine offene Kriegshandlung wäre, kann als hybride Bedrohungen oder hybrider Angriff bekämpft werden", erläutert Schawidow. Für alle Ewigkeit festgelegt sei auch diese Entscheidung nicht. "Wir stehen vor der komplexen und sich ständig weiterentwickelnden Herausforderung, begrifflich jeweils auf Augenhöhe mit den Anforderungen der Politik zu bleiben."
Die ist im Moment ganz offensichtlich zufrieden mit den vielfältigen hybriden Einsatzmöglichkeiten der Worthülse aus der BWHF. Auch Roderich Kiesewetter, einer der lautesten Mahner vor der Versuchung, einen Drohnenvorfall einfach nur einen Drohnenvorfall zu nennen, hat das verinnerlicht: "Deutschland muss endlich offensiver auf die Zunahme hybrider Angriffe aus Russland reagieren und sich besser wappnen, sowohl beim Lagebild und der Sensorik und Radartechnik im Bereich von kritischen und militärisch relevanten Einrichtungen als auch bei der Drohnenabwehr und dem Schutz dieser Einrichtungen", klagt er über die klaffenden Löcher im Drohnenwall.
Das kleine Handbuch der Krisenkommunikation
Gekonnt setzt der 62-Jährige hier ein zweites Buzz Word ein. Die Vokabel "Wappnen" gehört in jeden dieser Aufrufe, so steht es im kleinen Handbuch der Krisenkommunikation. Das verbietet in der Beschäftigung mit hybriden Szenarien jede öffentlich Überlegung, wem ein hybrider Angriff wie nützen könnte. Stattdessen solle auf hybride Logistik, hybride Verwundbarkeit und die psychologische Wirkung eines ohne Eskalationskosten nicht erfolgten Angriffs hingewiesen werden.

