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Auf einmal wieder zwei: Die "Zeit" hat die Geschlechteruhr zurückgedreht. Im kommenden Krieg sollen Söhne sterben, Mädchen hingegen Soldatennachwuchs zur Welt bringen. |
Geschlechtergerechtigkeit für alle, das müsste auch heißen, dass alle an die Front eilen, wenn Vater- und Mutterland bedroht sind. Der von den Grünen vorgeschlagene "Freiheitsdienst" folgt diesem Ansatz. Wo das Selbstbestimmungsgesetz noch eine klare rote Linie zog - sobald der Verteidigungsfall ausgerufen ist, darf niemand mehr durch einen Geschlechterwechsel fahnenflüchtig werden - sieht der Friedensdienst der neuen Art eine gerechte Lösung vor, die nicht nur Jüngere, sondern alle bis zum Regelrentenalter in Dienst für die Gemeinschaft nimmt.
Keine Uniform für jede*n
Israel macht es seit Jahrzehnten vor. Ob Mann oder Frau, eine Uniform findet sich für jede*n, ob er will oder nicht. Deutschland war eben auf dem richtigen Weg, doch schon kommen die Bedenkenträger aus ihren steinzeitlichen Ritzen, bewaffnet mit Geschlechterbildern aus dem Mittelalter. "Frauen dienen längst", behauptet Nele Pollatschek, die Frau mit der ausgeprägten Angst vor dem einen weißen Mann da drüben in Amerika. Eine allgemeine Wehrpflicht für alle widerspreche "der Kriegslogik", denn ein "Land, das sowieso mit massiver Überalterung" kämpfe, könne nicht auch noch "die wenigen Frauen im reproduktionsfähigen Alter an die Front schicken".
Wer soll denn dann 20 Jahre später kämpfen? Nein, schreibt Pollatschek, dann "kann man das mit dem Krieg auch gleich lassen". Schreckliche Aussichten. Vor allem aber schreckliche Ansichten. Noch vor zehn, zwölf Monaten wäre zweifellos ein shitstorm über der Autorin der Hamburger Wochenschrift "Die Zeit" hereingebrochen, hätte sie die krude rechtsextremistische These von den "zwei Geschlechtern" öffentlich geäußert, um mit einem Schlag die Hälfte der Bevölkerung unabkömmlich zu stellen.
Doch "Krieg ist wie Zeitreise, nur dümmer " (Pollatschek). Auf einmal gelten tatsächlich andere, uralte Regeln.
Wissenschaftliche überholt
Was eben noch wissenschaftlich überholt war, eine ewiggestrige Ansicht, die zu wiederholen als "menschenverachtend" kaum scharf genug kritisiert und mit der ganze Härte des Gesetzes bestraft wurde, ist wieder hoffähig geworden. Selbstbestimmungsgesetz hin, Selbstbestimmungsgesetz her. Ausgerechnet die "Zeit", die sich von ihren rassistischen Ausfällen emanzipiert und als Organ des Menschheitsfortschritts neu erfunden gehabt zu haben schien, fällt zurück in die atavistische Glaubenswelt der Joanne K. Rowlings, Alice Schwarzers und Birgit Kelles. Zwei Geschlechter.
Zwar nennt auch das Selbstbestimmungsrecht kein einziges mehr - als Voraussetzung für die Änderung eines Vornamen gibt es ausdrücklich vor, "dass der Antragsteller sich dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet" - doch spätestens seit Donald Trump in den USA alle anderen Geschlechter verboten hat, ist das Bekenntnis zur Vielfalt auch ein Akt des Widerstandes gegen das simplifizierende Weltbild der Weidels, Musks und Merz. Nur weil Krieg kommt und Soldaten fehlen, soll es plötzlich wieder möglich sein, nicht nur Teenager zu bewaffnen und Söhne zu zwingen, für ihre Eltern zu sterben. Sondern auch, alle wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber zu leugnen, dass Geschlecht eher ein "Spektrum" (Deutsche Welle) ist als in den Genen festgeschriebene Tatsache.
Wehrpflicht nach Chromosomen
Frauen mit XX-Chromosomen, Männer mit XY-Chromosomen, beide im Waffenrock, beide mit geschultertem Gewehr und stolzem Blick frei geradeaus, Liegendanschlag im Effeff, rühren. Girl`s Day beim Heer, Frauentag bei den Kampftauchern. Die Männer macht den Fourier und an Trans Visibility Day reitet das General mit dem Einhorn die Parade ab. Nele Pollatschek aber will das nicht. Ihre Vorstellung ist die einer aggressiven Männerarmee wie früher, richtige Kerle, die die Damenwelt beschützen, damit die neue Soldaten gebären kann - als wären Männer dazu nicht genauso gut in der Lage.
Die Pflicht, alle Vielfalt der Geschlechtervorstellungen zu akzeptieren, scheint plötzlich aufgehoben, wenn es "irgendwie" (Pollatschek) "um die Verteidigung der Gegenwart, um unser freiheitlich-demokratisches Wertesystem" geht. Auf einmal wird die Geschlechterfrage wieder beantwortet wie im Dritten Reich oder in der sozialistischen DDR-Armee, nur diesmal im Namen von Nachwuchsgewinnung für das dritte Kriegsjahrzehnt. Was für ein mieses Spiel mit den Gefühlen von Betroffenen, die eben erst den Eindruck bekommen hatten, sie dürften beim nächsten Mal, wenn für Freiheit, Demokratie und westliche Werte gestorben wird, ganz vorn mit dabei sein.
Nur ein Geschlecht soll sterben
Geht es aber nach Nele Pollatschek, denn müssen sie wieder zurückstecken. Frauen, Mädchen, Transgenderpersonen, die es vor Ausrufung der Mobilisierung nicht mehr geschafft haben, sich beim Standesamt als Mann anzumelden - sie sollen daheim bleiben, während deutsche Söhne sterben, damit Deutschland leben kann. Irgendwer müsse "sich darum kümmern, dass wir nicht in einem großrussischen Imperium aufwachen", heißt es in der "Zeit". Aber es sollten schon ausschließlich Männer sein, die die Bundeswehr als "Soldaten" (Zeit) braucht. Das Wort "Soldatinnen", also genau die Zielgruppe, um die Heer, Luftwaffe und Marine so dringlich werben, taucht überhaupt nicht auf.
3 Kommentare:
man wird die Proleten an die Front schicken . Hübsch hochbegabte BildungsbürgerkinderInnen sind in den usa wg Genderstudies
Der Artikel widerspricht zumindest nicht der Weiberlogik. Mal so, mal so, je nach Hormonsituation.
"great empires die not by murder, but by suicide." Peter Turchin: War and Peace and War: The Rise and Fall of Empires
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