Donnerstag, 3. April 2025

Kleidungsboom: Nur die Hitze kann uns retten

Je wärmer es wird, desto weniger gefragt sind Textilien.


Das 1,5-Grad-Ziel gerissen, die zwei Grad im Blick und in Deutschland sogar schon weit übertroffen. Zeigt sich da endlich ein Ausweg aus der europäischen Kleiderkrise? Die hatte zuletzt beunruhigende Nachrichten an ausgesandt: Danach haben die Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union zuletzt so viel Kleidung, Schuhe und andere Textilien wie niemals zuvor verbraucht. Nach Angaben der Europäische Umweltagentur EEA kauften EU-Bürger im Jahr 2022 durchschnittlich etwa 19 Kilogramm an Textilien pro Kopf – darunter acht Kilogramm an Kleidungsstücken, vier Kilogramm Schuhe und sieben Kilo Haushaltstextilien.  

Genug für einen großen Koffer

Wie die EEA mit Sitz in Kopenhagen errechnet hat, reicht das, um einen großen Koffer zu füllen. Beunruhigend ist vor allem die Steigerung der Nachfrage. Noch 2019, vor Corona und der großen Energiekrise, habe der Gesamtverbrauch an Textilien bei nur 17 Kilogramm gelegen, in den Jahren davor zum Teil nur bei 14. Und das, obwohl es vor 2020 deutlich kühler war. Mit einer Mitteltemperatur  von 10,3 Grad Celsius war etwa das Jahr 2019 noch 0,02 Grad kälter als 2022. Dennoch kamen die Menschen seinerzeit mit weniger Kleidung aus.

Die Experten vom Climate Watch Institut (CWI) im sächsischen Grimma sehen allerdings eine deutliche Korrelation des Konsumbooms bei Bekleidung und der Energiekrise, die Anfang 2022 mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ausbrach. Zwar habe Bundesklimawirtschaftsminister Robert Habeck Deutschland alles in allem gut durch die Zeit des Erdgasmangels gebracht, so gut sogar, dass das Herunterfahren der letzten verbliebenen Kernkraftwerke von Wirtschaft und Verbrauchern problemlos geschultert werden konnte.

Blind befolgte Sparappelle

"Aber Fakt ist", sagt CWI-Forschungsleiter Herbert Haase, "viele Haushalte den damals grassierenden Sparappellen blind folgten." Empfehlungen wie die, Daunendecken, Socken und dicke Jacken zu tragen, statt die Thermostate aufzudrehen, hätten zweifellos zu Zuständen geführt, unter denen Umwelt und Klima leiden. "Der hohe Textilkonsum bringt natürlich, das hat die EEA zweifellos richtig erkannt,  hohe Belastungen für die Umwelt und das Klima mit sich – etwa durch den Verbrauch von Materialien, Wasser und Landfläche, aber auch in Form von Emissionen, Chemikalien und Mikroplastik."

Haase verweist darauf, dass auch die bisher erreichte - und im Fall Deutschlands bereits übererfüllte - Annäherung an das Zwei-Grad-Ziel der Weltgemeinschaft offenbar nicht ausreiche, die falschen Weichenstellungen aus dem ersten Winterohnegas zu korrigieren. "Zuletzt lebten nach Erkenntnissen des Statistikamtes der Europäischen Union immer noch rund 6,9 Millionen Menschen allein in Deutschland in unzureichend beheizten Wohnungen", beschreibt er das Ausmaß des Problems. Europaweit seien sogar 47 Millionen Menschen betroffen.  

Wachsende Vorräte

Das ständige Zittern und Frieren führe trotz mutiger Prominenter, die das unduldsame Aushalten von Kälte beispielhaft vorlebten, zu einem erhöhten Bedarf an Bekleidung. Das zeige sich auch an vorliegenden Zahlen über die Auslaufmengen, die von Haushalten in der EU wegen ihres schlechten Zustandes aussortiert worden seien. "Insgesamt waren das in den 27 EU-Mitgliedstaaten im Jahr 2022 rund 6,94 Millionen Tonnen an Textilmüll", fasst Haase zusammen.

Die Gesamtmenge erscheine auf den ersten Blick zwar gewaltig, doch das entspreche letztlich nur etwa 16 Kilogramm pro Person. "Wir sehen an diesen Daten, dass jeder Vierpersonenhaushalt seine Vorräte an Jacken, Hosen, gefütterten Stiefeln und Schals im Durchschnitt um zwölf Kilogramm ausgebaut hat.

In Asien kein Widerhall

Herbert Haase ist skeptisch, ob ein Aufruf wie der aktuelle der Europäischen Umweltagentur, dass  Europa von Fast Fashion abrücken müsse, bei den Betroffenen verfangen. Wer friere, frage nicht nach der gesamtgesellschaftlichen Textilbilanz, sondern greife im Laden zu. "Auch der Aufruf an die Hersteller in Fernost, bessere und langlebigere Textilien herzustellen, die am besten auch noch wiederverwendet, repariert und recycelt werden können, erscheint in seiner Wirkung zweifelhaft." 

Die CWI-Textilökonomen haben 397 Internetseiten von Medien, Radio- und Fernsehsendungen sowie Tageszeitungen im gesamten europäischen Lieferkettenraum zwischen Pakistan, den Philippinen, Vietnam, Kambodscha, Indonesien, Thailand und China geprüft. "Nirgendwo ist die Meldung aufgegriffen worden."

Die Hitze muss es retten

Das zeige, dass Politik, Industrie und Verbraucher in Europa auf andere Mittel setzen müssten, um den Kleiderberg zu verkleinern, auf dem die Europäer sitzen. "Ursprünglich waren Experten etwa der Cornell University davon ausgegangen, dass durch den Klimawandel bis 2030 allein in Bangladesch, Kambodscha, Pakistan und Vietnam Exporteinnahmen in Höhe von 65 Milliarden US-Dollar verloren gehen, weil die Nachfrage nach Bekleidung durch höhere Temperaturen sinkt." Einkalkuliert hatten die Forscher einen Verlust von fast einer Million Arbeitsplätze. 

Die schlechten Nachrichten aus Europas Kleiderschränken seien nun zwar gute Nachrichten für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Großnähereien, Schuhfabriken und  Designbüros in Asien. Doch der Preis, mit dem der Erhalt dieser Stellen erkauft werde, sei hoch. "Das zahlt alles unser Weltklima." Herbert Haase sieht jedoch Licht am Horizont. 

Aus für das Verbrenner-Aus

"Durch die Politikwende weg vom Klima als zentralem Gestaltungsinhalt der Bundesregierung und das von der EU angekündigte Aus für das Verbrenner-Aus kommen wir wahrscheinlich auf einen Klimapfad, der uns eine deutlich schnellere Erwärmung bringt." Höhere Grund- und Durchschnittstemperaturen aber bedeuteten tendenziell eine sinkende Nachfrage nach Ober- und dicker, aufwendig gesteppter Unterbekleidung. "Es ist also sehr wahrscheinlich, dass uns die zunehmende Hitze hilft, die Bekleidungskrise zu lösen."


5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die Leute haben zuviel Geld für Klamotten übrig. Da haben vorangegangene Regierungen versagt. Socken stopfen muss sich wieder lohnen!

ppq hat gesagt…

die kollegen in den koalitionsverhandlungen sind dran

Anonym hat gesagt…

Ich war heute schon am FKK Strand. Da brauchte ich gar keine Sachen.

Anonym hat gesagt…

schon am FKK Strand ...

Den von Zinnowitz haben die verklemmten Wessis schon vor ewig überrannt. Man sieht einen Erwachsenen
von dreißig bis fünfzig, welcher der Badebekleidung enträt ... das muss ich nicht haben.

Anonym hat gesagt…

on dreißig bis fünfzig --- Nicht: Jahren. Sondern: Anzahl.