Mittwoch, 10. Januar 2024

Wagenknecht: Erster enttäuschter Wähler wendet sich ab

Eslim Jakobus war lange Wutbürger und bereit, seine Botschaft an die Bundesregierung auch mit der Wahl einer in Teilen gesichert verfassungsfeindlichen Partei zu transportieren. Nun zweifelt er an der neuen Wagenknecht-Partei.

Sie war ein Licht der Hoffnung, schien einen Ausweg zu bieten, bei der nächsten Wahl nicht wieder für die AfD stimmen zu müssen, nur um den Parteien des demokratischen Blocks "Feuer unter dem Hintern" zu machen, wie Eslim Jakobus sagt. Nun aber kommt schon der Katzenjammer bei dem 59-jährigen Thüringer mit Luxemburger Wurzeln.  

Noch keine drei Monate ist es her, dass die rechte Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht ihm ihr politisches Alternativangebot unterbreitete: Ein höherer Mindestlohn und eine deutlich stärkere Besteuerung sehr hoher Einkommen und Vermögen, noch mehr Gerechtigkeit, aber weiter freie Fahrt für freie Bürger, dazu sichere Renten und ein Inflationsausgleich für alle, finanziert aus den Einnahmen, die fehlen, wenn erst die Grenzen fest geschlossen sind.

Der Hass der neuen Herren

"Ich dachte wirklich, diese Frau hat uns verstanden", seufzt Jakobus, der viele Jahre als Friedhofsgärtner gearbeitet hat, zuletzt sogar im Range eine Trauerzugbrigadiers. Von Mindestlohn sei seinerzeit nie die Rede gewesen, "wir waren froh, dass wir überhaupt Arbeit hatten", sagt der Frührentner über seine aktive Zeit auf dem Arbeitsmarkt. Gerade die Jahre nach dem Ende der früheren Ex-DDR seien schwer gewesen. "Die neuen Herren schauten uns ja an, als könnten wir keine Zigarette am richtigen Ende anzünden." Geradezu Hass sei ihnen als einfachen Arbeitern da oft entgegengeschlagen. "Wie Untermenschen sind wir gehandelt worden", beschreibt der Wahlthüringer in einfachen Worten, wie er es empfunden hat.

Eslim Jakobus hat es nie schwer genommen. "Ich habe mich über meinen sehr schmaler Lohn bei den immer hohen heutigen Preisen echt gefreut", sagt er. Da war auch mal ein Bier drin, ein paar frische Äpfel oder ein Stück Käse. Man sei zurechtgekommen, zumindest bis vor einigen Jahren, "als es immer schlimmer wurde", wie der begeisterte Sammler von Zollstücken und Bierdeckeln sagt. 

Es sei bald alles so eng geworden, dass er zu keiner Sammlerbörse mehr habe fahren können, dafür aber "musste ich aus dem Küchenfenster zuschauen, wie in einem neugebauten Heim nebenan ganz viele junge Männer einzogen, die Vollbetreuung bekommen haben." Für Jakobus dagegen erhöhten sich der Rundfunkbeitrag, die Miete, die Strompreise, Netzentgelte und sogar das samstägliche Feierabendbier wurde teurer. 

Keine Abneigung

Eslim Jakobus will nicht von Abneigung oder gar von Hass spreche, "das sind nicht meine Kategorien", sagt der begeisterte Kafka- und Kant-Leser. Doch mit den Jahren, in denen er unter einer zumindest gefühlten Zurückweisung durch die tolerante und vielfältige Mehrheitsgesellschaft zu leiden glaube, sei ihm immer mehr "die Hutschnur hochgegangen". Jakobus schieb es auf seine Sozialisation in einem Land zurück, in dem ihm von Kindesbeinen an eingeredet worden war, er gehöre mit seiner Ausbildung als Facharbeiter für Friedhofsgärten zur Arbeiterklasse und damit zu der Klasse, die die herrschende sei.

"Unsereiner hat das jahrzehntelang geglaubt, denn wir hatten ja als Korrektiv nur das Westfernsehen und dank unserer guten und polytechnischen Bildung  blieb uns nicht lange verborgen, wie falsch vieles war, was dort erzählt wurde." Eslim Jakobus ist kein Mensch, der sich für leichtgläubig hält. Immer habe er kritisch sowohl auf den "Schwarzen Kanal" mit dem berüchtigten Karl-Eduard von Schnitzler geschaut, nicht weniger ungläubig aber auf Löwentals "Kennzeichen D". "Mit war das alles suspekt, ich habe mich immer geweigert, wie gewünscht auf all die einfachen Parolen hereinzufallen", betont er.

Die Wandlung zum Wutbürger

"Wenn man so will, bin ich wohl ein Wutbürger", gesteht Jakobus auch sich selbst. Zwar sei er nie mit Pegida marschiert oder habe bei Besuchen von Politikern in der Provinz gepfiffen und gebrüllt. "Aber dass ich zuletzt die Blauen gewählt habe, das wissen alle meine Bekannten." Ein Rufschaden entstehe in seiner Region dadurch nicht. "Das macht doch mittlerweile jeder hier." 

Eslim Jakobus allerdings hatte doch immer Bauchschmerzen dabei. "Natürlich hat man gesehen, dass es wirkt", schildert er, wie die immer besseren Wahl- und Umfrageergebnisse aus seiner Sicht langsam dazu führten, dass die Parteien des demokratischen Blocks ihre Politik ändern. "Viele Nachbarn sagen, das geht zu langsam", meint Jakobus, "aber ich sage, besser als nichts."

Die Gewissensbisse, jetzt mitverantwortlich zu sein, wenn das nächste Vierte Reich ersteht, die haben ihn jedoch nie losgelassen. "Deshalb war ich so scharf drauf, dass Wagenknecht eine eigene Partei gründet, die man als Wutbürger wählen kann, ohne dadurch gleich zum Nazi zu werden." Begeistert war Eslim Jakobus von den ersten Wasserstandsmeldungen: Wagenknecht wolle sozialpolitische Politik machen, sie wolle zurück zu starken Arbeitslosen- und Rentenversicherungen, die dann richtig teurer werden, und mit frischem Geld auch mehr Investitionen in Infrastruktur, Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung ermöglichen. "Das sprach mich derbe an", sagt Jakobus.

Alles Vergangenheit

Doch er wählt die Vergangenheitsform. Die Monate, in denen ihm die neue Partei der alten Genossin das so lange ersehnte Heilsversprechen im Gepäck zu haben schien, sie gingen schnell vorüber, viel zu schnell. Jakobus sagt, er habe es "total gemocht", sich mit anderen Menschen, die er für Gleichgesinnte hielt, anlocken zu lassen von der schönen Spätkommunistin, deren altersloses Gesicht von so soviel Selbstdisziplin und Gestaltungswillen spricht. 

Wenn andere in seiner Heimatregion zu den Rechtsextremen pilgerten, um ihrem Zorn über die Verhältnisse für einen Abend freien Lauf zu lassen,  saß er inmitten alter und junger Genossen im Gestühl des Stadttheaters seiner Heimatstadt und er lauschte hingerissen, wie Wagenknecht 50 statt der versprochenen 30 Minuten lang sprach. "Sie hat uns im Handumdrehen die ganz großen Zusammenhänge erklärt, die Weltpolitik, das kleine Einmaleins und für einige kritische Anmerkungen zur Quantenphysik war auch noch Zeit", erinnert er sich. Genau weiß er es allerdings nicht mehr, denn im Rückblick verschwimme so vieles, abgesehen von jenem einen großen Versprechen: "Wir sind die einzigen, die nicht aufrüsten wollen", sagt Wagenknecht.

Auch Jakobus will das nicht. Zu schlecht sind seine Erinnerungen an die Zeit bei der Nationalen Volksarmee der DDR, als er Böden wienern und Klos putzen musste, nur selten nach Hause durfte und sich deutlich jüngeren Leutnanten  zu beugen hatte. "Mit diesen Typen hätten wir jeden Krieg verloren", ist er sich sicher - und nichts spreche dafür, dass in den entsprechenden Rängen heute anders motivierte Offiziere dienten. Ob nun moderne Waffen oder mehr davon, nach der Lebenserfahrung des Eslim Jakobus sind es die weichen Faktoren, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden. "Folgen die Männer ihren Anführern, sind sie motiviert?"

Die Friedensbotschafter

Er ist es nicht und in den Versammlungen mit der Bewegung Wagenknecht hat er Hunderte getroffen, die es ebenso wenig sind. Viele, die gekommen sind, wollen nach eigener Auskunft vor allem eins: Frieden. Das Wort steht überall im Land seit Wochen in großen Lettern auf BSW-Plakaten mit Wagenknechts Gesicht.

 Denn inzwischen ist die frühere Kommunistin und Stalinistin bei ihm in Ungnade gefallen. "Sie stellt das System des Bürgergeldes grundsätzlich in Frage und hält es für einen falschen Ansatz", kritisiert er. Dazu wolle sie zwar Vermögen und Erbschaften in der Größenordnung von hunderten Millionen oder gar Milliarden stärker besteuern. "Aber nur, um im Gegenzug die Mittelschicht zu entlasten, so dass für Unsereinen wie immer nichts abfallen wird." 

Gefallen tue ihm nach wie vor, dass Wagenknecht eine höhere Steuer auf Kapitaleinkünfte fordere, um Sparen noch unattraktiver zu machen. "Auch ich finde, dass es überhaupt keine Begründung dafür gibt, dass Leute, die ihr versteuertes Geld sparen, anlegen und dann Dividenden beziehen, viel weniger Steuern zahlen als jemand, der arbeitet und dann alles ausgibt."

Bessere Angebote überall

Aber die Konkurrenz für die Wagenknecht-Partei, sie sei zuletzt eben deutlich gewachsen. "Die SPD wird wohl mit einem Versprechen auf noch mehr Gerechtigkeit in die nächsten Wahlkämpfe gehen, aber dazu noch Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen drauflegen - und ein Grunderbe von 60.000 Euro", lobt er. Möglich, dass die Grünen das mit einem Angebot in Höhe von 100.000 Euro für jeden kontern. "Ich glaube auch, dass das letzte Wort noch gesprochen ist, vermutlich werden alle noch etwas drauflegen."

Und jeder habe doch seinen Preis, auch er selbst, bei allen Prinzipien, die er sein Leben lang verfolgt habe. "100.000, das wäre schon etwas, wo man nachdenklich werden könnte." Verglichen mit den Vorhaben der Wagenknecht-Partei, der Linken und der Nazi-Truppe um Höcke und Gaulandt sei das für ihn jedenfalls attraktiver: "Man muss nicht groß rechnen, was für einen dabei rausspringt." 

Kein ausreichendes Wählerpotenzial

Dass er sich schon nach wenigen Wochen wieder abwende von der neuen Partei, liege letztlich ja auch nicht an ihm. "Ich sehe für den derzeitigen Kurs von Sahra Wagenknecht einfach kein ausreichendes Wählerpotenzial, wenn alle anderen mehr Versprechungen machen." Die letzten Jahre mit der Partei von hinter der Brandmauer hätten ihn gelehrt, dass "nur echte Angst Betrieb macht und nur die akute Furcht vor dem Machtverlust bewirkt, dass alle ihre Grundüberzeugungen über Bord werfen." 

Bisher habe das hervorragend funktioniert, indem er und viele andere den demokratischen Block mit Hilfe der "Blauen", wie Jakobus sie nennt, vor sich hertrieben. Eslim Jakobus ist deshalb derzeit entschlossen, die Offerte von Sahra Wagenknecht auszuschlagen und statt der anständigen Alternative weiterhin die bisherige zu wählen. "Never change a winning team", sagt er mit seinem weichen südthüringischem Akzent. Ganz egal, wie es am Ende ausgeht, zweite Ampel, dritte Große Koalition, Viertes Reich - Eslim Jakobus fühlt sich heute schon als Gewinner.


4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Zumindest dürfte Sahra 'keine AfD-Leute' Wagenknecht ihren Arsch bei der EU-Wahl warm in Brüssel unterbringen können, gibt da ja keine 5%-Hürde.

Anonym hat gesagt…

59 soll der sein? Der ist mindestens 85.

ppq hat gesagt…

die sorgen, nur die sorgen

Anonym hat gesagt…

ihren Arsch bei der EU-Wahl warm in Brüssel unterbringen ...

Das ist es, was mir vor Wut den Herzkasper einbringen würde - wenn mich mein ehlwüldigel Meistel außel dem Raufen nicht auch den Daoismus beigeblacht hätte.