Dienstag, 2. Januar 2024

Energiebilanz der EU-Paläste: Grausame Gesamteffizienz

Energiebilanz der EU-Paläste: Grausame Gesamteffizienz
Das Berlaymont-Gebäude in Brüssel ist der Sitz der EU-Kommission. Das Haus ist berühmt dafür, dass es mehr Energieeffizienzpässe besitzt als jedes andere von Menschenhand geschaffene Verwaltungsgebäude.

Als das Europäische Parlament im März seine Position zur Überarbeitung der Gebäudeenergieeffizienzrichtlinie festlegte, waren die Ziele überaus ambitioniert. Es ging um nichts weniger als um die Vollendung der im Oktober 2020 vorgestellten "Strategie für eine Renovierungswelle", im EU-Abkürzungskosmos MEMO genannt. Europa sollte einmal mehr zum Leuchtturm werden, an dessen Licht die Welt ihren Kurs ausrichtet. So werden wie die, das würde der Wunschtraum aller Völker werden. So geführt werden wie die Europäer von ihrer Kommission, dagegen würden alle Staaten ihre im Moment noch zumindest teilweise demokratisch gewählten Regierungen austauschen.

Das weltweit angehimmelte Gremium behielt sich in seinen Planungen für den untergebenen Kontinent Maßnahmen vor, um die jährliche Quote der sogenannten "energetischen Renovierungen" bis 2030 mindestens zu verdoppeln. Nichts weniger als der größte Versuch der Menschheit bisher, um mit einer Steigerung der Energieeffizienz von Gebäuden Emissionen zu senken, die im Zuge des Ukraine-Krieges entdeckte "Energiearmut" (EU) zu bekämpfen und die Anfälligkeit der Menschen gegenüber steigenden Energiepreisen zu verringern, auf dass "die wirtschaftliche Erholung und die Schaffung von Arbeitsplätzen unterstützt" (EU) werde.

Traumstart in Zeitlupe

Die EU selbst geht schon seit 20 Jahren mit gutem Beispiel voran. Damals, 2002, die Türme in New York waren noch nicht ganz abgetragen, gaben Europäischer Rat und Parlament einem Richtlinienvorschlag der Kommission mit dem Titel "Gesamteffizienz der Kommission" ihre Zustimmung, nach dem künftig eine "ganzheitliche, energetische Bewertungen von Gebäuden im gesamten EU-Raum durchzuführen" war. 

Am Beispiel des EU-Kommissionsgebäudes in Brüssel, der Herzkammer der europäischen Verordnungsdemokratie, wurde die Größe der kommenden Aufgaben beschrieben: Experten aus sechs EU-Staaten waren aufgerufen, die Gebäudeenergieeffizienz des als "Berlaymont"-Palast bezeichneten Gesichtes der Gemeinschaft zu bewerten. Erstmals einbezogen werden mussten die in der Energieeinsparverordnung bis dahin nicht enthaltenen Energiefresser Beleuchtung und Raumluftkonditionierung, die nach den neuen Regeln nun mit in eine "Bewertungsnorm integriert werden" sollten.

Keine leichte Aufgabe, wie sich bald zeigte. Sechs Spezialkommandos aus sechs Mitgliedsstaaten reisten an, ob mit Bus und Bahn ist allerdings nicht bekannt. Sechs Fachleuteteams, das bedeutet im europäischen Maßstab stets wenigstens sechs unterschiedliche Ergebnisse, natürlich auch im Rahmen "der nationalen Umsetzung der europäischen Richtlinie für die Energieeffizienz von Gebäuden (EPBD) neu entwickelten Berechnungsvorschriften". 

So sehr Europa einig ist, hier es ist noch nicht ganz auf einer Wellenlänge. Jeder Mitgliedsstaat hat seine eigenen Vorschriften. Mal sind sie eher locker, mal hart. In Brüssel bewertete jede Expertengruppe den Bauzustand nach den heimischen Vorgaben. Das Gute am Gesamtergebnis: Alle schließlich erteilten Zertifikate bewerteten die Energieeffizienz des Berlaymont-Gebäudes mit "gut" bis "sehr gut" und alle kamen zu dem Schluss, dass es besser abschneidet als der Durchschnitt vergleichbarer Gebäude in den jeweiligen Herkunftsländern der Tester. 

Lob aus Deutschland

Im Einzelnen aber zeigten sich bemerkenswerte Unterschiede: Lob aus Deutschland, dessen Fraunhofer-Forscher im Berlaymont-Gebäude einen Bau sahen, der um stolze 45 Prozent besser bewertet werden konnte als der das durchschnittliche deutsche Bürogebäude - also 55 Prozent schlechter als alles, was besser ist als der deutsche Durchschnitt. Dagegen sahen die portugiesischen Experten den EU-Vorzeigebau nur um 41 Prozent besser abschneiden als ihre schlechten Durchschnittsgebäude daheim, die eher weniger gedämmt sind als deutsche Bauten, weil der Klimawandel im Süden schon zuschlug, als es ihn im Norden noch nicht einmalin den Zeitungen gab. Berlaymont war also besser als der Durchschnitt der portugiesischen Gebäude. Sondern besser als es die Mindestanforderungen der portugiesischen Gesetzgebung erfordern.

Eine Ohrfeige war gar das Urteil aus den Niederlanden. Das Berlaymont sei gerade mal um 24,2 Prozent energieeffizienter als ein neues Gebäude daheim in Holland, befanden die enttäuschten Prüfer. Was für eine Schmach. Auch aus Frankreich kam harte Schelte: Nur sieben Prozent besser habe der Bau abgeschnitten, verglichen mit einem neugebauten Referenzgebäude in der Grande Nation. Europa, ein Kontinent vieler Stimmen, vieler Urteile und von wenig Einigkeit.

Immerhin stimmte das Gesamterlebnis. Die sechs am Ende erteilten Energiepässe, nach Angaben der Kommission bis heute stolz "repräsentativ ausgestellt" im Foyer, zeigten alles zugleich und zugleich nichts: Der Sitz der Kommission ist an sich Superklasse. Doch mit 193 kWH pro Quadratmeter Bürofläche verbraucht das EU-Hauptgebäude etwa ein Drittel mehr Energie als ein durchschnittliches Wohnhaus in Deutschland. Verglichen mit einem Neubau liegt sein Energiehunger doppelt so hoch. Und gemessen am Standard eines Passivhauses ist er gar mehr als zehnmal höher.

Für die Institution, die das Programm „Fit for 55“ erfunden hat, das den schon im Zuge der Umsetzung der Lissabon-Strategie bewährten Gedanken aufgreift, über die Ausrufung bestimmter Ziele selbst eine widerspenstige Realität unter den eigenen Willen zwingen zu können, ist das ein Desaster. Der europäische "Green Deal", von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in den krisenhaften Corona-Monaten erdacht, als sämtliche Mitgliedsstaaten taten und ließen, was sie wollten, ohne in Brüssel um Erlaubnis zu fragen, sollte Titanenanstrengung und Mondlandung zugleich sein, Quelle neuer Geldflüsse und Begründung neuer Schulden- wie Ausgabepakete. Und mit dem Berlaymont-Gebäude stand nun mitten im Herzen der europäischen Hauptstadt ein mahnmal für das Versagen der Strategie, große Dinge zu fordern, selbst aber nicht dergleichen zu tun.

Auf den Fersen der Lissabon-Strategie

Dabei hat 21 Jahre nach der Ausrufung der heute bereits legendären Lissabon-Strategie hat keine andere Staatengemeinschaft weltweit so viel Erfahrung mit der verpassten Umsetzung epochaler Vorhaben. 2010 bei einem Sondergipfel der EU-Staatenlenker beschlossen, hatte Lissabon noch nicht das Ziel, kleinteilig die sogenannte energetische Sanierung von Häusern vorzuschreiben. Damals waren die Ziele der Europäische Union noch größer, umfassender und auf Grundsätzliches gerichtet. Binnen von nur zehn Jahren sollten die Ländereien um das Berlaymont zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt werden. 

Auch dieser Plan kam von oben herab, ohne eine Idee, wie genau er umgesetzt werden sollte. Die würden die schon haben, denen nichts anderes übrigbleiben würde. Mit konkreten Vorhaben im Bereich der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Erneuerung würde sich der Kontinent an die Spitze der Nachhaltigkeit im globalen Maßstab setzen, für immer führend bei der Innovation als Motor für Wirtschaftswachstum, als strikte  „Wissensgesellschaft“ und bei der sozialen Kohäsion der Folgen von konsequentem Umweltschutz.

Auf diesen Erfahrungen baute später das Nachfolgeprogramm  „Europa 2020“ auf, das es zum Ziel hatte, die Europäische Union binnen von nur zehn Jahren zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Nun, da das Jahr entsprechend der Zielvorgaben erreicht ist, startet mit "Fit for 55" ein neues, noch ehrgeizigeres Unterfangen: Erstmals hält die EU-Kommission sich nicht nur mit Zielvorgaben bei Innovation, Dynamik, Wissen, Wirtschaft, Sozialumbau und Wettbewerb auf, sondern sie legt auch klar fest, was genau mit dem Weltklimabeitrag der Union zu geschehen hat.

Erfolgreiches "Europa 2020"

Schnell muss es gehen, denn nach dem "gemischt" (EU-Kommission) erfolgreichen Auslaufen von "Europa 2020" wäre eigentlich bereits im vergangenen Jahr eine Nachfolgestrategie fällig gewesen, über die anfangs mit großen Hoffnungen breit berichtet worden wäre, ehe sie wie ihre Vorgängerprogramme nie wieder Erwähnung gefunden hätte. Durch Corona aber kam es zu Verzögerungen, so dass das neue Klimaversprechen der 440 Millionen EUropäer recht eilig wird eingelöst werden müssen. Die Abrechnung ist nun schon in neun Jahren fällig, aber der Prozess bis zur Verabschiedung bindender gemeinsamer Ziele wird aller Erfahrung nach wenigstens noch zwei Jahre brauchen. Blieben sieben Jahre bis zum Zwischenziel 2030 - ein Zeitraum, der nur knapp länger ist als die 14 Tage, die es seinerzeit für eine europäische Lösung der Flüchtlingsfrage hatte dauern sollen. Erst das Berlaymont brach diesen rekord: Es ist nach 22 Jahren immer noch nicht regelgerecht energetisch optimiert.

Erdgas für die Kommission

Besorgt stimmen muss auch die Art der Erzeugung der Energie, die die Kommission wärmt und sie mit Strom versorgt. Ursula von der Leyen und ihre Mitarbeiter vertrauen hier auf ein erdgasbefeuertes Blockheizkraftwerk im Dachgeschoss des Gebäudes, das zwar gleichzeitig Strom und Wärme liefert, die EU aber auch abhängig macht von fossilen Energieträgern. In der Theorie sind zwar Wirkungsgrade bis zu 90 Prozent möglich. Doch in der Praxis war bei der fast 400 Millionen Euro teuren letzten Renovierung des Baus aus dem Jahr 1967 um die Jahrtausendwende herum kein Gedanken an Energieeffizienz oder eine umfassende energetische Gebäudesanierung verschwendet worden.

Seitdem hat es die EU dabei belassen. Zu groß sind andere Aufgaben, zu oft müssen die Richtlinien, Vorgaben und maßgeblichen Anforderungen an die energetische Qualität der anderen Gebäude in der Gemeinschaft fortgeschrieben und verschärft werden, als dass noch Zeit bliebe, am eigenen Bestand  zu arbeiten. Seit dem Abschlussbericht "Energy Certification of Berlaymont: Summary Report on Project Results", als Referenz an die noch in der EU lebenden sechs Millionen englischen Muttersprachler nur in dieser Sprache verfügbar, gilt das Berlaymont als das europäische Gebäude mit den weitaus "allermeisten" (DPA) Energieausweisen und als in jeder Infrarotansicht strahlend leuchtendes Vorbild der nationalen Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie zur Energieeffizienz (EPBD). 

Der geplante "große Schub für das Bauen im Bestand" durch die EU-Sanierungspflicht wird dann wohl am Herzen des Gebäudebestandes der Kommission vorübergehen. Sanierungen muss man sich leisten können, die EU kann es nicht, sie musste schließlich eben erst die aufwendigen Umbauten für die Gemächer der Präsidentin stemmen. Das Ziel der europäischen Politik, Gebäude durch Dämmung, Umstellung Wärmepumpe und solarbetriebene Heizungen zumindest schrittweise in Richtung Klimaneutralität zu bringen, muss anderenorts erreicht werden. Eine Chance für Bürgerinnen und Bürger!


5 Kommentare:

Die Anmerkung hat gesagt…

OT Rechtschreibbilanz auf T-Offline

Steven Sowa

Es scheint fast so, als hätte das Drehbuch von Marija Erceg noch kurzfristig umgeschrieben werden müssen – und Regisseur Max Zähle dann einen Tot inszeniert ...

Anonym hat gesagt…

Wenn einer der unermüdlich schuftenden EU-Beamten mal eine Kilowattstunde mehr verbrät, dann können die Bürgerinnen und Bürger diese Kilowattstunde doch mal bei sich einsparen. Das ist solidarisch.

Anonym hat gesagt…

Was in mir großes erstaunen und gleichzeitig entsetzen hervorruft ist, dass man solche zusammenhänge erst auf einer Satireseite findet.

Anonym hat gesagt…

OT
>> ghazawat 2. Januar 2024 at 11:13

... ... ...
Bei der Verbreitung entsprechender Schreckensmeldungen wird von der interessierten Politik natürlich auch das klimapolitische Agenda-Setting nicht vergessen: Das Hochwasser in Niedersachsen müsse Konsequenzen für politische Entscheidungen haben, forderte SPD-Chef Lars Klingbeil. ... ... ...

Sie glauben nicht, mit welchem Unfug Sie auch im neuen Jahr wieder belästigt werden. Es sollte sich mittlerweile bis zu den Dümmsten herumgesprochen haben, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt. <<
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Meister ghazawat ist unter den Pipis nicht der Schlechteste, obwohl er auch vom "Hitzetot" schreibt - lassen wir mal als Huscheligkeitsfehler durch.
Aber hier irrt er grausam: Es hat sich eben NICHT herumgesprochen. Auch nicht zu den ETWAS WENIGER Dummen.
Ich habe das Ohr an der Masse: Etwas muss ja dran sein, sonst würden die doch nicht ...

Anonym hat gesagt…

Wieso wird hier eigentlich immer über Doppelstandards und schleppende Umsetzung von EU-Richtlinien zum Umweltschutz gespottet? Dabei hat die EU doch gerade erst (10.11.2023) mit dem Renaturierungsgesetz die Wiedervernässung von Sumpfgebieten beschlossen und das Vorhaben inzwischen zeitnah und erfolgreich umgesetzt.