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| Mit einer tiefsinnigen Rede mahnte der Bundespräsident Bürgerinnen und Bürger, aber auch die Politik, sich des symbolischen Wertes des Wals Timmy bewusst zu werden. |
Es war eine seiner großen Reden, lang und breit, mit der beruhigenden sonoren Stimme vorgetragen. Bundespräsident Walter Steinmeier war dorthin geeilt, wo sich in diesen bangen Stunden das Schicksal des im Flachwasser der Ostsee gestrandeten Wals Timmy entscheiden wird. Seit zwei Wochen schon ringt das tonnenschwere Tier vor der deutschen Küste ums Überleben. Längst ist "Timmy", wie ihn der Komödiant Hape Kerkeling getauft hat, zu einem nationalen Symbol geworden.
Wird es Deutschland gelingen, den Wal zu retten? Kann ein erneuter Rettungsversuch, diesmal von Privatleuten geplant und finanziert, den Giganten mobilisieren? Gibt es Hoffnung für den Buckelwal? Wird vom Strand der Wismarer Bucht ein Signal in die Welt gesendet werden, was deutscher Erfindergeist, was deutsche Entschlossenheit und deutsche Politik, Wirtschaft und Zivilesellschat gemeinsam bewirken können.
Protestieren und Beten
Mecklenburg-Vorpommers Umweltminister Till Backhaus hat grünes Licht für eine private Rettungsinitiative gegeben. Begungsexperten bereiten sich darauf vor, das Tier per Luftkissen anzuheben, um es auf einer Plane zwischen zwei High-Tech-Pontons gelagert in die offene See zu transportieren. Tierschützer warnen. Viele Bürgerinnen und Bürger protestieren, doch andere beten für den Wal. Medien haben das Tier als Protagonisten entdeckt, der unterhaltend von all den Unannehmlichkeiten in der übrigen Berichterstattung ablenkt.
Eilig am Ereignisort
Dass der Bundespräsident an den Ereignisort eilt, von dem aus das gestrandete Tier in der Bucht bei gutem Wetter zu sehen ist, war für den früheren Außenminister eine selbstverständlichkeit. Walter Steinmeier, auch schon Kanzlerkandidat, Kanzleramtsminister und als Verfassungsbrecher verurteilt, versteht sein Amt als eines, das nicht gänzlich unpolitisch ist.
Tritt er an ein Rednerpult, wird es stets aufrüttelnd, philosophisch und lehrreich. Steinmeier versteht es wie kein anderer, als weltoffener weißhaariger Mann des Ausgleichs zu wirken. Steinmeier eilte auch im Fall Timmy eilig dorthin, wo es immer noch Spitze auf Knopf steht. Ein Mahner. Ein Mann, der sich einen Ruck wünscht. Ein Politiker, der als unbequemer Geist immer schon gern unangenehme Wahrheiten über die Welt der Fische erfand.
Auch in Wismar sprach er offen aus, was auf dem Spiel steht.
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Freunde Europas und des freien Westens,
hier, an dieser letzten deutschen Wallagerstätte in der Wismarer Bucht, wo das Meer frei atmet und der Horizont sich weitet, stehen wir heute nicht nur vor einem gestrandeten Tier. Wir stehen vor einem Symbol. Timmy, unser derzeit einziger deutscher Wal, liegt vor unserer Küste und er steht uns vor Augen. Groß, gewaltig, imposant. Doch er erinnert uns auch daran, wie wir selbst uns fühlen, in diesen schweren Tagen. Oft müde. Überanstrengt. Überfordert.
Ja, Timmy hat sich einmal verirrt. Dann noch einmal. Wir wissen: Er hätte sich treiben lassen können, sich dem Strom ergeben, sich von der Strömung mitnehmen lassen in die offene See. Stattdessen hat er seinen eigenen Weg gewählt. Selbstbestimmt. Hartnäckig. Mit jenem in den Grundrechten unseres Grundgesetzes tief verankerten Hang zur Individualität, zur Autonomie, zur inneren Abwehr gegen jede Form von Kollektivzwang und Vermassung. Lassen Sie mich sagen, dass Timmy die ganze Welt offengestanden hätte. Doch er ist ein guter Europäer. Zum Sterben, so sagen uns unsere Experten, kam er hierher, an einen Ort, der noch vor vier Jahrzehnten einer des Todes war, schwer bewacht von Soldaten mit einem Schießbefehl.
Wir sehen so: Timmy ist ein Wesen, das uns prüft. Seine Abwehr dagegen, sich von uns helfen zu lassen, ist zweifellos geprägt durch die bitteren Erfahrungen mit den totalitären Systemen von Sozialismus und Faschismus, die gerade wir Deutschen machen mussten. Timmy ist davon geprägt. Er wollte bisher nicht gerettet werden wie ein hilfloses Geschöpf. Er will seinen Weg selbst schwimmen.
Doch wir sind eine solidarische Gesellschaft. Wir haben Werte. Und so kamen sie doch: die freiwilligen Helfer, die verbeamteten Nothelfer, die ehrenamtlichen Retter, die Wissenschaftler, die Küstenwachen, die Freiwilligen Feuerwehren, die Bundeswehr mit ihren Booten. Ich sage es offen und an dise Stelle: Dass die Bundesregierung die Unterstützung für den Wal in ihren Hilfspaketen ausgespart hat, ist sicher keine kluge Entscheidung gewesen.
Wir dürfen nie vergessen: Deutschland ist immer noch die drittgrößte Industrienation der Welt. Ja, wir haben alles aufgeboten, was wir aufzubieten haben, um dieses eine Leben zu retten. Denn ein Leben ist uns, wir wissen das aus unsere Pandemierfahrung, so viel wert wie alle. Nicht aus Berechnung. Sondern aus dem tiefen, fast archaischen Reflex einer Gesellschaft, die weiß: Wenn wir hier versagen, versagen wir als Zivilisation.
Bestehen wir diese Prüfung? Schultern wir diese Last? Gemeinsam? Blicken wir zurück auf die dramatischen Wochen, die hinter uns liegen. Die Chronik von Timmys Odyssee ist eine Parabel auf das Ringen um Autonomie in stürmischer See. Zweimal, meine Damen und Herren, hat sich dieser Wal verschwommen. Zweimal schien er die Orientierung verloren zu haben, getrieben von Strömungen, die er nicht kontrollieren konnte.
Und wie reagierten wir? Wie reagierte diese Republik? Sofort, ohne Zögern, sprangen ihm die Helfer beiseite. Es war ein tief bewegendes Schauspiel zivilgesellschaftlichen und staatlichen Engagements. Wir müssen aber auch kritisch fragen: Was haben wir erreicht? Was hat der mächtige Apparat unseres Staates bewirken können? Was gelang durch die Mobilisierung der Anständigen, die ein rührendes Zeugnis unserer kollektiven Hilfsbereitschaft war. Aber war sie mehr?
Vergleichen Sie das mit dem Sudan. Dort haben Hilfe in zwei Konferenztagen beschlossen, den Frieden in einer Pressemitteilung angemahnt. Eine kleines, gutes Werk, schnell erledigt. Timmy dagegen ist eine Titanenaufgabe. An ihm kann unsere Nation, ja, ich nenne sie wieder Nation, wachsen und zusammenwachsen! Und an ihm zeigt sich, ob wir noch fähig sind, über uns hinauszuwachsen.
Freilich: Seit der großen Finanzkrise haben wir immer wieder Hilfspakete geschnürt, Rettungspläne verabschiedet und Schulden gemacht, die mancher für viel zu hoch hält. Als Bundespräsident mische ich mich nicht in die aktuelle Tagespolitik ein – das wissen Sie. Aber ich darf doch sagen: Ich erwarte mehr davon.
Weitere Erleichterungen können nicht beschränkt bleiben auf einige wenige Krisenprofiteure. Hier stirbt ein Lebewesen! Und während Arbeiter und Angestellte der wenigen noch gut laufenden Unternehmen und zumindest einige fleißige Staatsmitarbeiter von den großzügigen Maßnahmen der Bundesregierung profitieren werde, bleibt die eigentliche Walfrage als Menschheitsaufgabe ungeklärt.
Zweifellos: Timmy prüft uns noch immer. Oft habe ich in den vergangenen Tagen über die Lage nachgedacht, die uns zuweilen angespannt erscheint, herausfordernd und nach Lösungen förmlich schreiend. Und ich bin sicher: Timmys Leiden erinnert mich an das meines Freundes, des Papstes Johannes Paul II., der vor aller Augen gezeigt hat, dass der Tod eine öffentliche Aufgabe ist. Dass Leiden nicht privatisiert werden darf. Dass Würde auch im Sterben sichtbar bleiben muss.
Heute, wird mir mancher entgegenhalten, ist das Verhältnis zwischen Vatikan und Washington zerrüttet. Wir in Europa wissen, wie ein tiefer Riss sich bildet, obwohl wir immer gut damit leben konnten, dass Amerika für unsere sorgt und wir für die Versorgung der Vereinigten Staaten mit gutem Rat. Uns hat die neue Lage gezeigt, wie schnell Solidarität in Misstrauen umschlagen kann, wenn die großen Mächte ihre eigenen Interessen über das Schicksal des Einzelnen stellen.
Und so wissen wir heute: Timmy hat instinktiv richtig gewählt. Vor die Wahl gestellt, irgendwo zu sterben, hat er eine sichere EU-Küste gewählt. Er hat sich nicht in die offene See des Ungewissen begeben, sondern dorthin, wo Recht, Ordnung und menschliche Anteilnahme noch gelten. Und wir haben ihn nicht im Stich gelassen. Das ist das Schöne an dieser traurigen Geschichte. Das ist das Europäische daran.
Meine Damen und Herren,
Timmy ist mehr als ein Wal. Er ist das Symbol für die Resilienz der westlichen Demokratien. Er steht für unsere Fähigkeit, in der Not zusammenzustehen, ohne dabei die Freiheit des Einzelnen zu opfern. Für die Kraft, die aus Individualismus und Verantwortung entsteht – nicht aus Kollektivzwang, nicht aus Vermassung, nicht aus jenen alten Ideologien, die Europa schon einmal fast zerstört hätten.
In Timmy sehen wir uns selbst: ein Kontinent, der sich verirrt hat, der seinen Weg noch sucht und Hilfe annehmen wird, wenn wir mehr tun und die Finanzierung der Walrettung dauerhaft sichergestellt ist. Die Augen der Welt, sie sind in diesen Tagen auf diesen schönen deutschen Strand gerichtet. Hier können wir zeigen, was wir unter Solidarität verstehen: Eine helfende Hand, ein helfender Ponton. Aber niemals den Respekt vor der Selbstbestimmung anderer, die wir selbst uns auch wünschen.
Timmy ist einer von uns. Er weist allzu enge Führung zurück seit Wochen zurück. Er leistet Widerstand. Er klagt nicht laut, aber sein Verhalten - wir kennen es von einem wachsenden Teil unserer Wählerinnen und Wähler - spricht für sich. Auch er taucht ab, entzieht sich dem väterlichen Zugriff des Staates und seiner Organe. Er will aus eigener Kraft seinen eigenen Weg schwimmen.
Ist das nicht ein zutiefst vertrautes Bild? Erkennen wir darin nicht den Kern dessen, was uns Deutsche ausmacht? In diesem Beharren auf dem eigenen Weg in die Transformation? In der Ablehnung der guten Ratschläge der EU und anderer internationaler Organsiationen, zurückzukehren zum Atom? Im Hang, vom Staat totale Fürsorge zu verlangen, zugleich aber grenzenlose Freiheit? Hier liegt unser tiefes philosophisches Fundament: Die Würde des Einzelnen manifestiert sich auch im Recht auf den eigenen Irrtum, auf den eigenen, mühsamen Kurs.
Wir sind, daran kann es keinen Zweifel geben, der Teil des Westens, der noch weiß, dass Freiheit und Solidarität keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Wir stehen hier im Angesicht einer Kreatur, die uns in ihrer schieren Größe und existenziellen Not jäh aus dem Alltag gerissen hat.
Mancher mag sich fragen, warum der Bundespräsident in Zeiten globaler
Umbrüche, in Zeiten von Krieg in Europa und ökonomischen Sorgen, an eine
abgelegene Küste reist, um über das Schicksal eines einzelnen
Meersäugers zu sprechen. Meine Antwort lautet: Weil in diesem Schicksal,
im Schicksal dieses einen, gewaltigen Tieres, eine Wahrheit über uns
selbst verborgen liegt. Weil Timmy nicht nur ein Wal ist. Er ist ein
Spiegel. Er ist eine Prüfung. Und er ist, das wage ich heute hier zu
sagen, ein Symbol für die Resilienz der westlichen Demokratien selbst.
Deshalb danke ich allen, die an Timmys Seite gestanden haben. Den freiwilligen Helfern, den Beamten, den Wissenschaftlern, den Bürgerinnen und Bürgern, die gespendet, gewacht und gehofft haben. Sie alle haben gezeigt: Wir sind noch da. Wir geben nicht auf. Wir lassen niemanden allein – auch nicht einen Wal, der uns lehrt, was es heißt, ein guter Europäer und ein freier Deutscher zu sein.
Erinnern wir uns an die Noah-Geschichte aus der Bibel. Als die Flut kam, war es eine Arche, die das Leben rettete – Paar für Paar, Kreatur für Kreatur. Es war eine gewaltige Anstrengung zur Bewahrung der Schöpfung. Noah wartete nicht auf einen Beschluss des Weltsicherheitsrates. Er baute.
So sollten auch wir die Aufgabe angehen. Heute ist diese Bucht mit den vorbereiteten Pontons unsere Arche. Unsere Technologie, unsere Freiwilligen, unsere staatliche Ordnung – das alles sind die Planken dieser Arche. Wir sind gerufen, Noahs Werk fortzusetzen, nicht nur für uns, sondern für die Schöpfung, die uns anvertraut ist.
Tun. Einfach tun! Nur wer tut, kann Scheitern, nur wer es versucht, setzt lebendige Zeichen der Hoffnung. Solange es Wesen wie Timmy gibt, das ist meine feste Gewissheit, wird es Menschen wie uns geben, die für sie einstehen. Solange lebt die Idee des freien, solidarischen, selbstbestimmten Westens lebt, wird Timmy leben. Timmy testet unsere Resilienz. Wenn wir an ihm scheitern, werden wir an allem scheitern.
Ich glaube an die Resilienz. Ich habe sie in den Gesichtern der Retter hier in Wismar gesehen. Ich sehe sie in der Entschlossenheit der Nation, diese Prüfung anzunehmen. Nein, Timmy ist nicht nur ein Symbol der Not. Er ist ein Symbol der Hoffnung. Möge uns diese Titanenaufgabe nicht zerbrechen, sondern stählen. Möge sie uns daran erinnern, wer wir sind: eine Nation der Freiheit, der Verantwortung und der Mitmenschlichkeit. Eine Nation, die bereit ist, Archen zu bauen.
Ich danke Ihnen.
**Es gilt das gebrochene Wort.**

