Mittwoch, 4. März 2026

Schatten des Krieges: Das Ekel aus dem Osten

Der Aufstand der Jungen richtet sich gegen Versuche, die letzte Generation zur Verteidigung des freien Westens zu instrumentalisieren.

Es ist die vierte Zeitenwende, die aus den Fernsehgeräten in die bundesdeutschen Haushalte schwappt. Der Krieg, Vater aller Dinge und Quelle fantastischer Einschaltquoten, trägt diesmal Wüstentarnanzug. Die Ukraine muss sich geschlagen geben wie einst die Corona-Pandemie. Vier Jahre lang kam keine "Tagesschau"-Sendung mit der Pflichtmeldung aus, dass es "neue russische Angriffe" gegeben habe. Selbst in der großen Gaza-Betroffenheit blieb immer Platz für ein bisschen Kiew, Donbass und besorgte Mienen in Brüssel.  

Das Verschwinden der Ukraine 

Seit Trump und Netanjahu ihre Flugzeuge und Raketen Richtung Teheran schicken, gibt es nicht einmal mehr alte. Ein neuer Sheriff ist in der Stadt, neben dem niemand anders mehr Platz hat. Keine Ukraine mehr in den Nachrichten. Gaza ist abgetaucht. 

Gar nicht zu reden von den anderen Schicksalsthemen, die die Öffentlichkeit vor einigen Sekunden noch so beschäftigt haben. Wir die AfD verboten werden können? Wie darf man sie nennen? Soll das jeder können, oder müsse Millionen Jüngere wegbleiben aus den sozialen Netzwerken, um sie vor der Meinungsfreiheit zu schützen?

Es ist vorbei. Jetzt ist nur noch Iran. Die 30.000 deutschen Urlauber, die an der Front kalt erwischt wurden, erlauben es, den Konflikt direkt in die Nachbarschaft zu ziehen. Der ferne Gewitterdonner der einschlagenden ballistischen Raketen aus den Werkstätten der Mullahs sollte dazu führen, dass die Deutschen endlich wieder zusammenrücken. Die Psychologen, die die Bundesregierung beraten, hatten es zumindest so vorhergesagt: Je dunkler es draußen wird, desto glücklicher ist der Mensch mit der Gemeinschaft, die er drinnen findet.

Im Schatten eines neuen Krieges 

Doch nach nicht einmal einer Woche im Schatten eines Krieges, der aus Sicht des deutschen Fachministers Johann Wadephul nicht hätte sein müssen, weil man auch noch weitere 1.000 Jahre hätte mit Teheran verhandeln können, sieh die Lage anders aus. Die Angriffe der Israelis und Amerikaner auf ein abscheuliches, aber souveränes Regime spalten Völker- und Menschenrechtler. 

Sie entzweien die Freunde der harten Hand und die Beschwichtiger mit ihrer Appeasementpolitik. Sie treiben die Furchtsamen in die Arme der linken und rechten Extremisten. Sie veranlassen die Jungen, sich gegen den Staat zu wenden, der sie in Uniform sehen will. Und sie spülen Heldengestalten an die Oberfläche einer kloaka maxima aus missbrauchtem Meinungsrecht, denen die Nachbarn früher zugerufen hatten, dass sie sich schämen sollen.

Zerrissener Zusammenhalt 

Es zerreißt den Zusammenhalt. Selbst in harmonisch zusammenlebenden Familien aus dem grünen und christdemokratischen Bürgertum liegen Gewitterwolken über Geburtstagstafeln. Der Hasenbraten zu Ostern droht trocken in einer Atmosphäre heruntergeschlungen werden zu müssen, in der die eine Seite des der Tafel die andere für unzurechnungsfähig und bösartig hält. Vorwürfe schleichen durch Küchen und Wohnzimmer. Bis du wehrwillig? Bist du gegen den Krieg? Warum und weswegen nicht? 

Über Jahre war zumindest in Deutschland ausgemacht, dass Frieden das höchste Gut sei, dass keine Rakete, kein Panzer, kein Euro für Rüstung auf Kosten der Armen, des Fortschritts und des Wohlstandes aller ausgegeben werden dürfe. 

Die Bundeswehr, ein Gräuel 

Krieg war sowas von gestern. Armeen hatten Steinzeitstaaten, nicht aber die moralischen Allmächtigen. Atomwaffen? Ein Gräuel. Die Bundeswehr? Bewaffnete Drohen? Lieber sterben, rief die deutsche Sozialdemokratie. Ein Maskottchen. Gute, fortschrittliche Menschen nutzen Dienste wie Spotify nur bis zu dem Tag, an dem bekanntwurde, dass irgendwo in der Investmentkette der Schweden militärische Güter auftauchten.

Anfangs langsam, mittlerweile atemberaubend schnell hat sich das gewandelt. Die Kriege toben. Die Pazifisten loben. Ausgerechnet die Kreise, für die es kein Grundwert wert war, eine Waffe in die Hand zu nehmen, sind heute die Vorreiter der Aufrüstung. 

Habeck-Fans in Westdeutschland und Beamtenhaushalte mit Postern von Annalena Baerbock an der Wand, die gesamte Christdemokratie, die letzten Liberalen und Teile der SPD, sie alle sind sich einig darin, dass Deutschland wehrhaft und kriegstüchtig sein muss. Selbst der große russlandfreundliche Flügel der SPD, die kremlnahe Linke und die pazifistische AfD sind nur nicht für Aufrüstung um jeden Preis. Aber auch nicht dagegen.

Jubel über die Atombombe 

Bei den Webers, einer Familie aus dem westdeutschen Gießen, haben sie dem französischen Angebot, unter Macrons atomarem Schirm zu schützen, dennoch nicht gerade zugejubelt. Ein flaues Gefühl erfüllt alle. Der Präsident hatte klargemacht, dass er persönlich den Knopf drücken würde, um seine Heimat zu retten.

Es könnte sein, das schließt ein, das Deutschland zum Schlachtfeld wird. Doch zum 80, von Opa Helge sind die Wogen geglättet. Der Pazifismus ist zwar tot, doch auch die deutsche Kriegstüchtigkeit marschiert mit der Dynamik einer Leiche.

Bei Webers, sie Lehrerin, er leitender Beamter bei Rechnungsprüfungsamt der Schulbehörde, ist  Opas Geburtstagstafel gedeckt mit Köstlichkeiten. Es soll dem Vater von Familienvater René an nichts mangeln und seine Gäste sollen einmal alles vergessen. Beim Eintreffen schon nicken sie einander freundlich zu, der erste Eierlikör. Die erste Runde von Hochrufen. Die ersten Witze und die ersten Zoten. Alles geht gut. 

Niemand debattiert die Notwendigkeit neuer Leopard-Panzer für Kiew. Keiner erwähnt die gestrandeten Kreuzfahrtpassagiere.

Das Ekel aus dem Osten 

Bis Alfred, der  Onkel aus dem Osten, 72 Jahre alt, ein Relikt der alten Friedensbewegung, die Bemerkung "mir nicht" missversteht. Einer der Söhne der Webers, Max, inzwischen 34, hatte damit sagen wollen, dass er keinen weiteren Eierlikör möchte. Konrad, der knorrige Gast aus Cottbus, hatte "mit mir nicht" verstanden und sich sofort an seine große Zeit mit "Schwerter zu Pflugscharen"-Aufnäher und Widerstand in der kirchlichen Opposition gegen den Kalten Krieg erinnert. Das Fossil aus einer anderen Epoche antwortet verhängnisvoller Weise mit "Frieden schaffen ohne Waffen", nicht einmal laut, nur gemurmelt. Ein Reflex. Doch die Runde erstarrt.

Der rebellische Neffe, Nico und bis dahin schweigsam, blickt auf. Max`' Tochter, die schon kurz vorm Einschlafen gewesen war, wittert Spannungen. Sie liegt richtig. Nico, gerade 17, muckt auf.  "Ich geh nicht hin", sagt er trotzig, während er in seinem Smartphone scrollt. Jeder weiß, was er meint. Alle haben die Whatsapp in der Familiengruppe gelesen, in der Nicos Mutter Suse vom Eintreffen des Musterungsfragebogens berichtet hat. 

Kein Interesse an Verteidigung 

Daheim war die Diskussion kurz. Er habe kein Interesse am Wehrdienst und die "Verteidigung der Demokratie" interessiere ihn nicht, hatte Nico seinen Eltern mitgeteilt. Die haben die Entscheidungen ihres einzigen Sohnes immer akzeptiert. Sie standen hinter ihm, als er in der Schule noch Klimastreiks organisierte. Sie haben die Strafe bezahlt, als er bei einer seiner kreativen Graffitiaktionen ertappt wurde. Als Nico jetzt sagt, er sehe in den Kriegen "nur den Wahnsinn von euch Alten" nicken sie zufrieden. Der Nico ein eben gut erzogenes Kind mit festen moralischen Grundsätzen. 

An der Geburtstagstafel aber kommt Widerspruch. Die Tochter der Hausherrin, 32, junge Mutter von zwei Kindern, die gerade erst ihr zweites Baby bekommen hat, stopft das Loch aus Schweigen und bemerkt, dass sie wohl dann selbst an die Front gehen müsse, um die Freiheit zu verteidigen "Nico kann  ja dann auch Sarah und Paul aufpassen", sagt Clara. Ein feministischer Faustschlag, der sitzt. Kulturkampf am Geburtstagstisch.

Nostalgie und Opferbereitschaft 

Keine Gelegenheit, die Alfred aus Cottbus verstreichen lässt. "Erinnert euch an die 80er", sagt er mit bebender Stimme, "da haben wir gegen Pershing-Raketen demonstriert, gegen die Nato, gegen alles, was nach Krieg roch." Vergebens. Denn "Jetzt schickt ihr Waffen in die Ukraine, jubelt über Drohnenangriffe auf Teheran und könnt es nicht erwarten, den Frieden herbeizubomben." Wo denn der Pazifismus hin sei, will der gelernte Schlosser wissen. Und ob die Liebe zum Krieg so weit reiche, dass der eigene Sohn geopfert werden würde?

Die Hausherrin, eine treue Habeck-Anhängerin, die ein Leben lang für die friedliche Beilegung von Konflikten eingetreten war, lächelt milde. "Das waren andere Zeiten, Onkel. Heute geht's um Werte. Putin ist der Aggressor, und wir müssen wehrfähig sein." Nico nutze sein Recht, sagt sie mit Blick zum Neffen, für sich persönlich anders zu entscheiden und nicht mitmachen zu wollen bei der Verteidigung der Freiheit. "Das müssen wir akzeptieren."

Nicht schade drum 

Um fünf Zentimeter wächst der Neffe am Tisch. Nico nickt dem Onkel zu: "Genau, lasst uns nicht mitmachen. Ich verweigere die Musterung – lasst die Politiker selbst kämpfen." Stürben die, sei es nicht schade drum. Neben ihm explodiert Tochter Clara wie eine Handgranate. "Dann lassen wir die Russen einmarschieren", sagt sie. Das würden die nämlich tun, wenn sie sähen, dass ihnen niemand Widerstand entgegensetzen werde. 

Die Runde erstarrt. Das Klappern des Geschirrs verstummt. Die Nicos Mutter faucht: "Wirf meinem Jungen nicht vor, was er für sich entscheidet." Die Hausherrin beschwichtigt. "Leute, wir sind doch eine Familie!" Clara schüttelt den Kopf. "Wir brauchen Stärke – auch in der Familie!" Der Schwager, ein bis dahin schweigsamer Sozialdemokrat namens Roger, ergänzt: "Ihr seid Mitläufer des Pazifismus, der nur den Faschisten hilft!" Stille senkt sich nach dieser Explosion über den Tisch. Bis der böse Onkel aus dem Osten, sichtlich erfreut über den Konflikt zwischen den Wessis, kontert: "Ich hab unter Honecker für Frieden gekämpft, nicht für eure neuen Kriege." 

Beleidigungen machen die Runde 

Die diebische Freude ist nicht zu übersehen. Die Flamme schlägt wieder hoch. Clara wirft ein: "Ich habe zwei kleine Kinder, die Schutz brauchen." Der Sozialdemokrat legt ihr die beamtenhand auf die schulter. Er will Mut zusprechen. Der Ost-Onkel sei ein "naiver Ossi" sagt er, der Neffe ein "verweichlichter Millennial, der nie um etwas kämpfen musste". 

Alle hören es. Die andere Tochter, bisher nur Zuhörerein, versteigt sich zur Bemerkung, dass Teile der Familie typisch "toxisch-narzisstische Wirklichkeitsverweigerinnen" seien. Welche Teile sagt sie nicht. "Ihr wart doch gegen Atomkraft!", wirft der Onkel ein. "Und jetzt nehmt ihr Macrons Atombomben an?" Ganz ruhig entgegnet die Gastgeberin: "Notwendigkeit, Onkel. Die Zeiten ändern sich."

Am Ende eine tiefe Kluft 

Es ist alles gesagt. Bis zum Ende des Abends wird es noch in dieser und jener Formulierung wiederholt. Doch keiner überzeugt niemanden. Am Ende der Feier, als die Kerzen heruntergebrannt und die Schokobecher gekaut sind, bleibt die Kluft.

 Im Flut umarmt die Hausherrin den Onkel steif: "Komm wieder, aber lass die alten Geschichten." Ihren Neffen mahnt sie halblaut: "Denk an deine Pflicht." Die beiden Töchter schweigen wieder, eine entsetzt, eine empört, aber nicht überrascht. Als alle gegangen sind, tippen beide unabhängig voneinander eine Nachricht in die Familiengruppe bei Whatsapp: "Ich möchte vorerst keinen Kontakt mehr, bitte versteht das. Es tut mir einfach nicht gut."