Dienstag, 10. Februar 2026

Tankstellenwende: Ausstieg aus dem Zapfhahn

Tankstellen schließen, Verkehrswende Deutschland, Klimaziele Verkehr, Tankstellenschließung Klimaschutz, Verbrenner Ausstieg radikal, CO₂-Reduktion Verkehr, E-Auto Zwang durch Tankstellenrückbau
So soll die Klimatankstelle der Zukunft aussehen: Kein Diesel mehr, kein Benzin, dafür vegane Rohstoffe zur Herstellung von Strohsäcken.


Das Ziel ist von mehreren Bundesregierungen und EU-Kommissionen beschlossen und verkündet worden, es steht unumstößlich und ist nicht mehr verhandelbar. Auch Deutschland muss die Verkehrswende komplett absolvieren, um den nationalen Beitrag zu den weltweiten CO₂-Zielen zu planmäßig liefern. Umstritten ist, wie sich der Weg am schnellsten zurücklegen lässt, ohne allzuviele Bürgerinnen und Bürger entlang der Strecke zurückzulassen. Eine beim Erdgasausstieg erfolgreich angekündigte Strategie könnte jetzt auch beim Sorgenkind Verkehr wirksam werden.

 Mehr Druck auf Bürger und Wirtschaft

Das Ziel ist von mehreren Bundesregierungen und EU-Kommissionen beschlossen und verkündet worden, es steht unumstößlich und ist nicht mehr verhandelbar. Zuletzt haben Gerichte sogar noch einmal Druck gemacht und darauf hingewiesen, dass auch die amtierende Koalition mehr tun muss. Das 2023 beschlossene Programm zur Erhöhung von Energepreisen und Industriestillegungen reiche nicht aus, um die Klimaziele zu erreichen, urteilte das Bundesverwaltungsgericht auf Klage der Deutschen Umwelthilfe. 

Seit die USA sich aus den Klimaverabredungen von Paris zurückgezogen haben, trägt Deutschland wie alle anderen verbliebenen Signatarmächte noch deutlich mehr Verantwortung: Der CO2-Sparbeitrag der Vereinigten Staaten, die immerhin den größten Anteil an der Verschmutzung der Atmosphäre mit dem Klimagas verschulden, muss nun von den Nationen geschultert werden, die zu den getroffenen Vereinbarungen stehen.

Nicht nur schnell, sondern komplett 

Auch Deutschland muss seine Verkehrswende deshalb nicht nur schnell, sondern komplett absolvieren. Es kommt darauf an, nicht nur den ursprünglich geplanten nationalen Beitrag zu den weltweiten CO₂-Zielen zu leisten, sondern darüber hinaus noch etwa sieben- bis achtmal mehr. 

Nur wie? Die aktuelle Politik versagt kläglich, denn es fehlt ihr offenkundig an Ideen. Hier könnte ein Tankstellenabwicklungsgesetz (TaAwiG) den entscheidenden Wumms liefern: Mit der Zwangsschließung von vorerst der Hälfte der rund 14.400Tankstellen wäre es nach Berechnungen des Climate Watch Institutes (CWI) in Grimma möglich, private Mobilitätsnutzer zu vergrämen.

Leere Tanks schützen das Klima 

Wenn hartnäckigen Fahrzeughaltern die Möglichkeit genommen werde, ihre von Verbrennungsmotoren angetriebenen Autos zu betanken, verringere das die Attraktivität der Fortbewegung deutlich. Nur mit diesem radikalen Ansatz, heißt es in der Studie "How the demolition of gas stations will boost the electric revolution - The Way to E-Future", sei es möglich, die CO₂-Emissionen im deutschen Verkehrssektor rasch und nachhaltig zu reduzieren.  

Eine einleuchtende Argumentation, die im Zuge des vor einem Jahr gerade angelaufenen Regierungswechsels allerdings unterging. Im politischen Berlin wurde der Vorschlag totgeschwiegen. Noch glaubten viele im neuen Parlament und in der neuen Opposition, dass sich Deutschland ehrgeizige Umstiegspläne auf elektrisch angetriebene Fahrzeuge mit Hilfe höherer Prämien erreichen lassen würden. 

Wünsche werden nicht Wirklichkeit 

Doch die Realität ein Jahr danach ist eine andere. Noch immer hinkt die Wirklichkeit den Wünschen der Politik hinterher. Der Anteil von Elektroautos (BEV) an den Neuzulassungen erreichte zwar inzwischen knapp über 19 Prozent. Doch diese 545.000 verkauften E-Autos bedeuten, dass noch fünfmal so viele diesel- und benzinbetriebene Neuwagen abgesetzt werden. 

Ohne zusätzlich Druck werden auch höhere Zuschüsse, wie sie die schwarz-rote Koalition Geringverdienern jetzt abverlangt, um Besserverdienenden den Umstieg zu erleichtern, nicht ausreichen. Der NDR hat darum jetzt die Idee aus Sachsen aufgegriffen und ihn als Schritt zur Lösung der deutschen Klimaprobleme popularisiert. 

Sieben Millionen Liter pro Stunde 

In einer packenden Reportage aus der Tankstellenszene schildert Redaktionsleiterin Anja Reschke, wie die "Weichen für die Zukunft schon heute gestellt" werden können. Die E-Auto-Begeisterung dürfe nicht durch falsche Hoffnungen auf Klimadiesel aus Reststoffen wie altem Frittierfett gebremst, sondern sie müsse durch gezielte Tankstellenschließungen befördert wird. "Jede Stunde" so prangert Reschke an, "werden in Deutschland etwa sieben Millionen Liter Benzin und Diesel getankt". Vor allem die großen Tankstellenketten wie Shell und Aral machten damit hohe Gewinne.

Hier gelte es anzusetzen. Wie bei den angekündigten Stilllegungen der Gasnetze, die der Transformationsvordenker Patrick Graichen als Staatssekretär im Klimawirtschaftsministerium vor seinem Rücktritt wegen familiärer Verquickungen angestoßen hatte, könne auch bei der Treibstoffversorgung ein angekündigter Rückbau Wunder wirken. Spätestens wenn Besitzer von Verbrennern der Gefahr ins Auge sehen müssen, an den Abrisskosten beteiligt zu werden, sind sie motiviert, früher umzusteigen. 

Eine goldene Brücke für die Union 

Es wäre eine goldene Brücke, über die selbst die klimafeindliche Union gehen könnte. Bisher hatte die Bundesregierung aus Rücksicht auf ihren umweltfeindichen Flügel auf empfehlende Planvorgaben zur Popularisierung von Elektroautos gesetzt. Bis 2030 sollte durch hartnäckige Überzeugungsarbeit etwa ein Viertel des deutschen Fahrzeugparks elektrifiziert werden. 

Derzeit werden etwa dreieinhalb Prozent aller Fahrzeuge elektrisch angetrieben. Um den Rückstand aufzuholen, der der Legende nach vor allem durch die von Robert Habeck betriebene Streichung der Kaufprämie für Tesla-Fahrzeuge entstand, müssten ab sofort Monat für Monat rund 300.000 Elektoautos verkauft werden. Das wäre etwa das Zwölffache des bisherigen Jahresrekordes pro Monat.

Es wird eng werden 

Es wird eng werden mit dem Elektroziel. Das weiß auch die CDU-Führung. Doch die notwendige Stilllegung von acht Millionen älteren Fahrzeugen aber wagt sie trotzdem nicht vorzuschlagen. Auch eine erneute Verschrottungsprämie, wie sie Angela Merkel auf dem Höhepunkt der Finanzkrise zur Rettung der einheimischen Autohersteller ausgelobt hatte, ist nicht im Gespräch. Angesichts der Vielzahl anstehender Landtagswahlen fürchtet die Union die Rache von Sprechstundenhilfen, Verschalungsfacharbeitern und Gastropersonal, wenn herauskommt, dass Zahnärzte, Bauleiter und Restaurantbetreiber sich den neuen EQE auf ihre Kosten angeschafft haben. 

Deutschlands Transporttraditionalisten leisten hinhaltenden Widerstand. Viele weigern sich, betriebsfähige Verbrenner auszumustern und teure E-Autos anzuschaffen. Verwiesen wird auf ein mangelhaft ausgebautes Ladenetz, hohe Wertverluste von neuen Elektromodellen wegen des derzeit noch unkontrollierbaren Innovationstempos in der Branche. Und die europäischen Strafzölle auf chinesische Importe, die ausgerechnet die preiswerten Modelle künstlich verteuern.

Jede Schließung wäre endgültig 

Mit dem Start einer Kamapagne zur Tankstellenschließung, wie sie die CWI-Studie zum "Way to E-Future" skizziert, wäre eine nachhaltige Reduktion der CO₂-Emissionen im Verkehrssektor unumgänglich. "Nicht einmal einer der ausländischen Großkonzerne, die Deutschland bisher mit Treibstoff versorgen, würde heute noch Geld in die Wiedereröffnung einer Tankstelle investieren", heißt es in der Untersuchung von 2025. Jede gesetzlich verfügte Schließung wäre damit endgültig. 

Ein vermeintlicher Schaden, der allen nützt. Als der visionäre Vordenker Patrick Graichen  die deutschen Gasnetzbetreiber auf dem Höhepunkt der Energiekrise aufforderte, mit dem Rückbau ihrer Versorgungsntze zu beginnen, erschien das vielen Beobachter übereilt und irrwitzig. Mittlerweile aber plant bereits jedes fünfte Stadtwerk, sein Gasnetz stillzulegen

Eine Milliarde für Mannheim 

Die Stadt Mannheim zeigt, wie es geht: Schon 2035 wird dort nicht mehr geheizt werden, jedenfalls nicht mehr mit Gas. Insgesamt müssen im Versorgungsgebiet rund 56.000 Gasheizungen ersetzt werden. Die durchschnittlichen Kosten pro Heizung liegen bei 15.000 Euro, die Gesamtinvestition folglich bei einer knappen Milliarde. dazu komme etwa 60 Millionen Euro Kosten für die Stilllegung der Gasanschlüsse. Auf ganz Deutschland hochgerechnet werden für den Gasausstieg etwa 300 Milliarden Euro benötigt. Das Geld ist aber nicht weg. Es hat gar keiner.

Beschluss aber ist Beschluss. Den Letzten beißen die Hunde. Ähnlich würde ein Tankstellenverbot die Verkehrswende forcieren, ohne direkte Verbote – nur durch ein gezieltes Kappen der kritischen Infrastruktur. Wenn dann erst alle elektrisch fahren, benötigt ohnehin niemand mehr Tankstellen. Und wenn es keine Tankstellen mehr gibt, fahren wie von Zauberhand alle elektrisch. Klüger als die knappen Gelder aus dem Sondervermögen für die Klimatransformation für Neuwagen auszugeben, schlagen die Forscher vor, aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF)  gezielt Prämien für freiwillige Tankstellenschließungen zu zahlen.

Eine Million für jeden Pächter 

Eine Million Euro pro Betreiber wäre ausreichend, glauben die Experten, um 5.000 Pächter zu überzeugen. Der Branche gehe es schlecht, die Zukunftsaussichten seien mau. "Mit einer Abfindung auszusteigen, wird viele der überdies meist älteren Betreiber nicht lange überlegen lassen." Als "bequemsten Weg, den Individualverkehr zu reduzieren", bezeichnen die Verfasser diesen smarte Kahlschlag in der fossilen Infrastruktur. "Schließung" bedeute auch keine Bulldozer, sondern einzig geschlossene Türen und leere Tanks. Effizient, kostengünstig und klimagerecht.

Sind Benzin und Diesel gezielt verknappt, weil es an Bezugsquellen fehlt und die verbliebenen von langen Schlangen geprägt sind, setzt ein, was die Wissenschaftler einen "inneren Überzeugungsprozess" nennen. Selbst für Geringverdiener denken über einen Umstieg nach. "Wenn Verbrenner nicht tanken können, drängen teure Elektromodelle sich auf", heißt es in der Studie. Der radikale Rückbau beunruhige zudem die verbliebenen Tankstellenbetreiber, die Unsicherheiten in der Branche stiegen, der Spritverbrauch gehe zurück. Doch nicht nur das Kerngeschäft leide, sondern auch die Shops, die heute noch das Einkommen der Pächter einspielen, verlieren an Attraktivität. 

Zirück auf Klimakurs 

Deutschland wäre zurück auf Klimakurs - und in der Lage, den Paris-Ausstieg der USA unter Trump auszugleichen. Die Vereinigten Staate hatten eigentlich 1,5 Gigatonnen CO₂ pro Jahr einsparen sollen und wollen. Um die Lücke zu schließen, muss Deutschland sich kräftig strecken, denn derzeit stößt das Land überhaupt nur 0,7 Gigatonnen aus. Es führt aber kein Weg an dieser Aufgabe vorbei, weil alle Klimastaaten gleichermaßen mitziehen müssen.

Wenn die Tankstellenwende konsequent umgesetzt wird, hätte das massiven Einfluss: Die CO₂-Emissionen im Verkehr sänken um 20 bis 30 Prozent bis 2030, das Paris-Ziel von 120 Millionen Tonnen Reduktion wird erreichbar. Global ginge Deutschland gestärkt aus der Schließungswelle: Als Vorreiter im Pariser Kontext hätte es gezeigt, dass es gewillt wäre, den US-Ausstieg zu kompensieren. Das würde EU-Partner und andere willige Staaten inspirieren.