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| Kernkraftwerke sind vom Zugangs zu Kühlwasser abhängig. Jetzt aber kochen die französischen Flüsse. |
Es ist Sommer geworden in Europa, unerwartet fast schon nach einem Winter der nicht enden und einem Frühling, der nicht warm werden wollte. Die Zeitungs- und Fernsehredaktionen ächzen unter der Hitze. Heute schon legendär ist der Auftritt des deutschen Finanzministers Lars Kingbeil in einer Wahlkampfsendung in der ARD, in der der übergewichtige Sozialdemokrat vor aller Augen förmlich zerfloss.
Das ist nicht mehr das Deutschland, das 1987 über "Tropenhitze" klagte. Das ist kein Land, in dem die "Hauptverwaltung Wasserstraßen" im DDR-Verkehrsministerium den Werktätigen versicherte, ihre hochverdienten Erholungsfahrten auf den Schiffen der "Weißen Flotte" seien weiterhin gesichert. Es ist auch nicht mehr das Land, in dem die Bahnhofsuhr von Wanne-Eickel einst wegen Temperaturen von 58 Grad im Uhrengehäuse den Dienst einstellte.
Deutsche Atom-Routine
Nein, die deutsche Routine im Umgang mit der wärmeren Jahreszeit folgt der Logik einer Jahr für Jahr neu inszenierten aufgeregten Überraschung. Wie immer im Sommer sind Temperaturen über 25 Grad Anlass, eine Berichterstattung entlang der Klima- und Hitzeschutzpläne auszurollen: An Badeunfällen und Waldbränden, Freibadprügeleien und Trinktipps hangelt sich eine Branche entlang, die zwischen Dürretod und Hitzekollaps nach Futter zum Überleben sucht.
Zum Kanon der alljährlichen Alarmübung gehören die verheerenden Waldbrände in den USA, Frankreich und Griechenland. Dazu gehört der Streit um die umgefärbten Wetterkarten, der von Faktenprüfern Jahr für Jahr klipp und klar zugunsten der Wahrheit entschieden wird. Ja, sie sehen anders aus. Aber das hat nichts zu besagen! Zentral sind zudem auch Frankreich Kernreaktoren, seit dem deutsche Energieausstieg ein zentraler Bestandteil der kohlendioxidsparenden Stromversorgung hierzulande. Sobald es wärmer wird im Nachbarland, macht "die Hitze auch der Stromversorgung zu schaffen", heißt es dann. Und wenig später immer wieder gern: "Die ersten französischen Atomkraftwerke müssen ihre Produktion zurückfahren."Nicht genug kaltes Wasser
Vor Jahren schon hatte damalige grüne Spitzenpolitiker Omid Nouripour die Öffentlichkeit aufgeschreckt, als er sagte, dass Kernkraftwerke in Frankreich nicht laufen könnten, weil es nicht genug kaltes Wasser in den Flüssen gebe. Faktenchecker des renommierten Medienhauses "Correctiv" ("Geheimplan für Deutschland") widerlegten den grünen Parteichef umgehend.
Doch das Märchen war in der Welt. Es klickte und es ging viral. Es sorgte in Teilen der Bevölkerung für Beunruhigung und in einem anderen für klammheimliche Freude. Nein, Kernkraft würde Deutschland nicht retten. Auch später hatten "Frankreichs AKWs" (FAZ) deshalb immer wieder ein Wasser-Problem" (Focus), weil "die Dürre zu Knappheit beim Kühlwasser geführt" hatte. Kein Sommer ohne "Frankreichs Atomkraftwerke am Limit" (Deutsche Welle).
Waldbrände müssen immer "wüten"
Vielerorts wird nicht nur das Trinkwasser knapp, die Böden trocknen aus und "Waldbrände wüten". Auch die Atomkraftwerke (AKW) des Landes kommen "durch die Hitze ins Schwitzen" (DW) und die "Hitze trifft französische Atomkraft" (FAZ). Die Betreiber mussten ihre Reaktoren herunterfahren. oder, wie die seriöse FAZ einst zupackend formulierte: "Wegen der Hitze fällt ein französischer Atomreaktor aus".
Dieser "Hitze-Alarm in Frankreich" ist eine schöne deutsche Tradition geworden. Wie die klassische Eisdielenreportage, die Tiefenrecherche, welcher Politiker in seiner kurzen, voll mit wichtiger Arbeit gepackten Ferien wohin reist und das Umschreiben von Polizeimeldungen zu Freibadrangeleien mit Messern gehört die Sorge um Frankreichs Kernkraftwerke zu jedem anständigen deutschen Sommer. Kaum nähern sich "in weiten Teilen des Landes Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius", wird höchste Einsatzbereitschaft ausgerufen.
Das glühende Frankreich
"Frankreich glüht, die Flüsse kochen, und ausgerechnet jetzt geraten die mächtigen Atomkraftwerke ins Wanken", berichtet die "Frankfurter Rundschau" aus der Hitzeschlacht bei strahlendem Sonnenschein. An den Standorten der Kernkraftwerke brütet es. In Gravelines in Nordfrankreich sollen die Temperaturen auf bis zu ca. 24 Grad ansteigen, bei Paluel in der Normandie werden 23 erwartet, bei Belleville im Loire-Tal 26, Civaux in West-Zentralfrankreich rechnet mit 28 Grad und Cruas im sogar mit 33 Grad.
Das sind Temperaturen, mit denen die Erbauer der Atommeiler nicht rechnen konnten. Die Folgen sind beunruhigend: "Wenn das Kühlwasser zu heiß wird, droht dem ganzen Land der große Strom-Blackout", warnt der für seit seiner Erfindung von "Zick-Zack-Winter" und "Sonnen-Sommers" bekannte Meteorologe Dominik Jung in der Frankfurter Rundschau.
Kühlkommandos in Marsch
Schon gilt in einem Viertel des Landes die orangefarbene Alarmstufe, die Hitzeschutzpläne in Kraft und Kühlkommandos in Marsch setzt. Der nationale Wetterdienst Météo-France hat die Hitzewelle vorab als "flächendeckend, lang anhaltend und intensiv" eingeschätzt. Es ist wie 2009, als Paris eine markante Hitzewelle mit 36 Grad Celsius erlebte und Südfrankreich unter extremer Trockenheit und Höchstwerten um die 40 Grad stöhnte.
Dass "Dauer-Hitzewellen" (Focus), die französische Stromproduktion beeinträchtigen, noch ehe sie richtig begonnen haben, ist relativ neu. Als der staatliche Energieversorger EDF jetzt mitteilte, dass das Atomkraftwerk Saint-Alban südlich von Lyon ab heute den Betrieb zurückfahren werde, war deutschen Experten sofort klar, in welche fatale Situation sich das EU-Partnerland durch sein Festhalten an der Kernkraft manövriert hat.
Wasser verschwindet durch die Erwärmung
Das Schönste an der Kernkraft sei ja, dass sie einen "völlig unabhängig macht von Sonne und Wind", zeigten kluge Kritiker den Franzosen ihr Denkfehler. Ein Kernreaktor sei im Grunde von allem unabhängig – "außer von fließendem, kalten Wasser, also im Endeffekt genau von dem Zeug, das durch die Erderwärmung als Erstes verschwindet".
Das Wasser ist dann weg. Es wird zu Stein und knochentrockener Erde. Robert Habeck hatte schon 2022 auf das Problem hingewiesen. Das Problem sei nicht, "dass Frankreich über Atomkraftwerke verfügt, sondern, dass die Betreiber der Atomkraftwerke günstige Preise unter dem Marktwert anbieten können", beschwerte sich der Klimawirtschaftsminister seinerzeit über Frankreichs Weigerung, den deutschen Weg zur konsequenten Umstellung auf teure dezentrale Erzeugungsformen mitzugehen.
Quittung für die Franzosen
Die Quittung bekommen die Franzosen jetzt. Das Wasser der Loire ist derzeit 19 Grad heiß, bei Ardèche und Gardon sind es 20, Rhône und Garonne melden 18 bis 21 Grad, die Dordogne bis zu 15 und
Marne wie Seine etwa 17 Grad. Das Kühlwasser kocht, die Berichterstattung über die Drosselung französischer Kernkraftwerke kommt auf Touren: Wie in jedem Sommer seit der Erfindung der kochenden Flüsse in Frankreich liefert der Trommelwirbel aus Alarmschlagzeilen ein Beispiel für den gezielten Versuch einer Irreführung.
Das alle Jahre wiederkehrende mediale Narrativ folgt einer Methode, der sich das ZDF zuletzt bediente, als Starmoderatorin Dunja Hayali ihrem Publikum erklärte, Israel verletze den zwischen USA und Iran vereinbarten Waffenstillstand. "Israel greift noch immer den Libanon an, obwohl auch hier die Waffen schweigen müssten", sagte die Expertin für eigene Fakten. Für eine Erwähnung der Angriffe der islamistischen Hisbollah auf Israel, die den israelischen Attacken vorausgegangen waren, war keine Zeit.
Die primäre Methode der Lüge
Durch eine solche Kontext-Deaktivierung gelingt es darauf spezialisierten Sendern, Sendungen und Aktivisten nach Belieben, aus Mücken Elefanten und aus Elefanten im Raum leere Zimmer zu machen. Längst wird in Medien nicht mehr plump gelogen, sondern als primäre Methode der Desinformation eine sogenannte selektive Rahmung benutzt, die 2019 von der Linguistikerin Elisabeth Wehling als "Framing" bekanntgemacht wurde.
Gezielt wird dabei jeder proportionalisierende oder regulatorische Kontexts weggelassen. An seine Stelle tritt eine aufgeregte, empörte und wertende Semantik, die sich als neutrale Nachrichtenberichterstattung tarnt.
Die kochenden Flüsse
Auch bei den kochenden Flüssen in Frankreich und den glühenden und schmelzenden Kernkraftwerken funktioniert das Verfahren. Durch das Vermeiden jeden Hinweises darauf, welche Wassertemperatur in den betreffenden Gewässern herrscht, vermitteln die massenhaft verbreiteten Horrorgeschichten den Eindruck, die Flüsse seien wirklich physikalisch zu heiß, um die Reaktoren noch kühlen zu können.
Mitgemeint ist dabei der Appell an die deutsche Urangst vor dem GAU: Unbedarfte Leser behalten im Kopf, dass die Reaktoren womöglich bereits nahe vor dem thermischen Kollaps stehen und deshalb heruntergefahren werden müssen.
Es geht nur um Fische
Tatsächlich beruht die Drosselung allerdings nicht auf einer technischen Unmöglichkeit, die Kühlkreisläufe auch mit leicht wärmerem Wasser zu kühlen, sondern auf Umweltschutzvorschriften. Frankreich verbietet die Rückeinleitung von Kühlwasser, wenn der Fluss dadurch eine bestimmte Temperaturschwelle überschreitet. Diese gesetzliche Regelung dient dem Schutz der Fischbestände.
Zeit und Platz, das wenigstens der Vollständigkeit halben zu erwähnen, bleibt nirgends. Denn alle Kraft wird gebrauch, um eine zweite Täuschungsschicht über die Realität zu legen, die Medienwissenschaftler wie der bekannte Regressionsforscher Hans Achtelbuscher als "Skalierungs-Verzerrung" bezeichnen.
So wird suggeriert, Frankreichs Stromversorgung breche aufgrund der Hitze zusammen. Verschwiegen werden dabei mit voller Absicht die Verhältnisse: Die alle Sommer wieder vorgenommenen temperaturbedingten Drosselungen betreffen jeweils nur einen Bruchteil der gesamten nuklearen Kapazität. Über ein Jahr betrachtet fallen etwa ein bis drei Prozent der Gesamtleistung durch die wenige Tage oder Stunden andauernden Abnschaltungen während der Hitzepeaks aus.
Das Primat des Katastrophischen
Ziel der Übung aber ist nicht Information, schon gar nicht neutrale. Die Nachrichtenauswahl folgt nicht journalistischer Verantwortung, sondern den Erfordernissen der klickgetriebenen Aufmerksamkeitsökonomie. Nach deren Logik sind bad news immer good news. Wenn sie dann noch einem guten Ziel zu dienen versprechen, indem sie durch Negativität und Bedrohungszenarien nicht nur Klicks und Reichweite generieren, sondern auch noch besorgnis wegen dei Klimawandels und bereitschaft zu persönlichen verzicht, wird jede Hitzewelle vom "Problem für Frankreichs AKW" zu einem Segen für den Fortschritt.
Es ist Desinformation, aber sie ist nicht unwahr. Allein die Unvollständigkeit durch die bewusst verweigerte Einordnung der Ereignisse in ein Informationsumfeld, das bekannt sein muss, um das große Ganze verstehen zu können, sorgt für den erwünschten Glaubenseffekt: Für den Uneingeweihte liest sich der Text, als stünde das französische Stromnetz vor dem hitzebedingten Blackout und die Technologie vor ihrem physikalischen Limit.
Dramatik gegen die Demokratie
Ausfälle im homöopathischen Bereich werden symbolisch für eine alarmistische Berichterstattung genutzt, die ihre Dramatik aus der Gewissheit zieht, dass diese methodische Verzerrung für das Publikum nicht erkennbar ist. Medien verlieren so dauerhaft ihre wichtigste demokratische Funktion, Fakten bereitzustellen und sie neutral einzuordnen, denn sie können verlorenes Vertrauen nicht zurückgewinnen. Was weg ist, ist weg. Denn Leser, die nicht mehr lesen, und Zuschauer, die nicht einschalten, werden nicht mehr bemerken, wenn es eines Tages wieder seriös zugeht.


