Mittwoch, 24. Juni 2026

Das Totenschiff: Kaum geboren, schon verloren

So lange noch etwas bei jemandem im Portemonnaie steckt, hat der Staat sich nicht genug herausgenommen.

Ich sage den jungen Leuten immer nur "Kaum geboren, schon verloren". Die gucken mich natürlich an wie Bahnhof. In der Schule erzählen sie denen ja heute nichts mehr darüber, wie die Welt funktioniert. Das ist schon erstaunlich und ein bisschen erschreckend, weil diese Generation sich auch kein bisschen von selbst dafür interessiert. Die haben ihr Handy, ihre Snapchats oder was auch immer. Und Sorgen wegen Krieg und Klima, Hitze oder Dürre und Hochwasser, so richtig kommt man da als Älterer nicht mit.

Was unsereins so umtreibt 

Keine Sorgen haben sie wegen allem anderen, was unsereins so umtreibt. Unwissen macht ein reines gewissen, sagte ich immer.  Schauen Sie sich die Leute unter 30 an, kaum einer von denen hat eine Ahnung davon, dass er zu denen gehören wird, die den ganzen Bumms eines Tages bezahlen müssen. Bei allem, was da mancher Spinner gegen uns ins Spiel gebracht hat, die dieses Land dreimal wieder aufgebaut haben - nach dem Krieg, nach der Einheit und nach der Pandemie - Sie glauben doch nicht wirklich, dass unsere Parteien mit so einer billigen Enteignungsnummer durchkämen!

Wir Älteren sind doch mittlerweile hypersensibilisiert. Wir haben alle mitbekommen, wie die das machen, wenn sie uns an Portemonnaie wollen. Über irgendwas anderes reden. Irgendwelche tollen Versprechungen machen. Nur um nicht zuzugeben, wo die Probleme liegen und weshalb sie nie gelöst, sondern immer nur auf eine neue lange Bank geschoben werden können. 

Die Hälfte ist immer schon weg 

Es ist doch so: Ab dem ersten richtigen Gehalt verliert man dauerhaft fast die Hälfte seines Einkommens. Das ist die Realität, mit der wir alle leben gelernt haben. Die Politik macht es uns ja einfach, sie hat ein System geschaffen, in dem der Bruttolohn nur eine Zahl ist, auf die niemand mehr achtet. Man ist fixiert auf das, was unten rauskommt. Dieser klägliche Rest, sage ich immer. Verglichen mit dem, was so ein Arbeitgeber ausgibt, ist das, was unsereins überwiesen bekommt, ja sowieso nicht mal die Hälfte wert. 

Was bekommen wir dafür? Ein paar Jahre ein bescheidenes Almosen.  Sehen Sie, in einem Buch von  Samuel P. Huntington habe ich mal gelesen, dass das Überleben einer Demokratie nicht von der Größe ihrer Probleme noch von ihrer Fähigkeit abhängt, sie zu lösen. Wichtig sei nur, wie die Führer dieser Demokratie reagieren, wenn sie die Probleme ihres Landes nicht lösen können. 

Die nächste Runde Vertröstung 

Das ist doch, was wir jetzt sehen: Statt zu sagen, tut uns leid, das war's, es geht nicht mehr so, wie es immer ging, weil wir über viele, viele Jahre ziemlich viel falsch gemacht haben, tut uns leid, kommt die nächste Runde Trost und Vertröstung. 2090, sagen sie jetzt, wird alles gut geworden sein. Bis dahin müssen wieder allerlei Stellschrauben gedreht und neue Kassen eröffnet werden. 

Ich habe das mal ausgerechnet. Also diese kapitalgedeckte Säule der Altersversorgung mit ihren staatlich geprüften Fonds und der Miniprämie von ein paar Euro, wenn man selbst ein paar Euro mehr reinsteckt, das haben die ja neulich erfunden, kostet mich nicht viel. Aber alles extra. Generationenkapital! Neue Komponente zur Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung! Da hat die Bundesworthülsenfabrik wieder Überstunden geschoben!

Einstieg in die nächste Enteignungsstufe 

Und jetzt auch noch die "Kapitalrente" obendrauf, das nächste Heilmittel, für das wir noch mal bezahlen. Die rechnen uns das vor wie Erstklässler. Da ziehen sie dir ab dem Jahr 2028 erst mal ein halbes Prozent vom Brutto ab, später ein ganzes. Und den Arbeitgebern nochmal so viel. Für die Politik ist ja immer vor allem der Einstieg in die nächste Enteignungsstufe entscheidend. Ich bin älter, ich erinnere mich noch, wie es mit der Pflegeversicherung anfing. Erst war die in der Krankenkasse inklusive, dann  kostete sie ein Prozent des Bruttoeinkommens obendrauf. Heute sind wir bei 3,6 Prozent!

Natürlich behaupten die, sie hätten ja gar keine Beiträge erhöht. Würde ich auch machen. Es kommt darauf an, eine möglichst gute Ausrede zu finden, ohne direkt zu lügen. Wer eine neue Versorgungskasse gründet, erhöht die Beiträge insgesamt sicherlich auch. Aber er macht es ja nur, um sie nicht weiter erhöhen zu müssen.

Niemand rechnet nach 

In der Regel geht das durch. Gerade die jungen Leute sagen, das ist ja nicht viel, das merkt man doch kaum. Ich habe es nachgerechnet: Bei meinem Lohn von 4.500 Euro brutto reden wir in der vollen Ausbaustufe von knapp 45 Euro weniger netto im Monat. Plus Minimum zehn Euro für das "Altersvorsorgedepot". Plus, das wollen wir mal nicht vergessen, 130 für die Pflege. Das macht im Jahr mehr als 3.000 Euro, die ich nicht mehr ausgeben kann. 

Wenn du das auf ein ganzes Arbeitsleben von 47 Jahren hochrechnest, kommt da eine Summe zusammen, da schwindelt's mich: Wir reden hier von 150.000 Euro! Geld, das erstmal weg ist, weils aus der privaten Verfügungsgewalt verschwindet.

Die nächste "Zusatzrente"


Muss ja, sagen die. Du musst ja vorsorgen, sagen die. Und was bekommst du dafür? Das Versprechen auf eine "Zusatzrente", die in irgendeinem staatlich verwalteten Topf liegt. Da wird es richtig üppig, sage ich Ihnen. Zusatzrente, das hatten wir in der DDR schon mal. Da haben wir schon freiwillig eingezahlt. Und dann haben sie die Auszahlung gestrichen. Zack und weg.

Wenn ich sowas wie "Altersvorsorgedepot" und "Zusatzrente" höre, kriege ich Schwämmchen. Das ist doch keine private Altersvorsorge, das ist eine Enteignung auf Umwegen. Guck doch mal, wie die sich das gedacht haben: Spare ich schön in meine Fonds und ETFs oder zahle mein Häuschen ab, ist das meins und wenn ich nicht mehr bin, bekommen es meine Leute. Bei dem, was die sich da ausklamüsert haben, guckst Du in Röhre. 

Gespartes ohne Erbrecht 

Wer früher stirbt, hat Pech gehabt. Das Kapital ist ja nicht vererbbar! Da kannst du dein Leben lang geschuftet haben, um für deine Frau oder deine Kinder etwas aufzubauen und was zu hinterlassen. Aber dann kommt der Staat und sagt: "Das ist ja nun doch eigentlich gar nicht dein Geld." Ich glaube, die wissen genau, was sie tun. Das ist doch kein Zufall, dass diese ominöse Alterssicherungskommission aus lauter Professoren und Politikern, die noch keinen Tag in der Produktion von irgendetwas verbracht haben, am liebsten auch das Ehegattensplitting abschaffen würde. Ergibt ja auch Logik, wenn Du Dein staatliches Altersvorsorgezeug verlierst, wenn du tot bist, aber dein eigenes Zeug vererben darfst.

Das begreift leider alles gar keinen. Und das meiner Ansicht nach Absicht. 33 Vorschläge, wo gibt es denn sowas? Da reichen doch zehn oder elf. Aber die wollen ja, dass in dem ganzen Wust von Quatsch  mit Ende der Haltelinie, Änderungen bei Altersteilzeit, Gesundheitsprüfung und Rente nach  mathematischer Lebenserwartung kein Mensch mehr durchblickt. Das ist nicht sozial, das ist brutal.  

Noch ein neuer monströser Apparat 

Weil es klappt, so weit ich das sehen kann. Meine Kollegen kapieren gar nicht, dass ihnen schon wieder ein neuer monströser Apparat vor die Tür gestellt wird, den sie wieder mit Geld überversorgen müssen. Haben Sie mal gelesen, wie vielen Arbeitslosen die Agentur für Arbeit mit vielen Mitarbeitern einen Job vermittelt? Vier Leute brauchen die im Durchschnitt, um einen Kerl in Arbeit zu bringen! Vier! Auf einen!  

Aber wen juckt das? Die Nahles hat da ihr Auskommen gefunden und unsereiner ist ja schon froh, wenn die Beiträge nicht dort auch noch steigen oder sie einem wieder mitteilen, dass man zwar Jahrzehnte einzahlen durfte, aber nur ein paar Wochen Stütze bekommt. 

Mir ist doch klar, warum der Merz und die Bas auf einmal der Meinung sind, ihre Kommission tue allen weh und das sei deshalb super. Die wissen seit Jahren, dass ihr hochgelobtes Umlageverfahren an die Wand fährt. Nicht, weil die Menschen zu alt werden. Das ist bloß ihre Standardausrede. Aber gucken Sie doch mal: Bei uns machen jetzt weniger weniger, keiner macht mehr. Es ist die Produktivität, die nicht mehr mitkommt. Vor 100 Jahren haben fünf Leute einen Rentner durchgebracht, später drei. 

Jede Menge neuer Verwalter 

Das ging, weil jeder dieser drei Leute das Zehnfache dessen produziert hat, was sein Vorfahre erwirtschaftet hat. Aber wenn das dann 20 Jahren so bleibt, weil nur die Behörden neue Verwalter einstellen und keiner mehr Leute, die irgendwas produzieren, wächst die Zahl der Versorgungsfälle schneller als das, was wir Alten in den Werkstätten und Fabriken zusammennageln. 

Ich sage immer, ein bisschen ist das wie auf dem Totenschiff, kennen Sie sicher, dieser Science-Fiction-Roman von B.Traven. Da spielt der runtergekommene Dampfer Yorikke für mich das System von heute. Wir transportieren wertlose Fracht auf einem schrottigen Kutter, aber weil uns der Kapitän und die Eigner kaum Heuer auszahlen, kommen wir auch nicht weg. Wir Gefangene, Gefangene auf einem Totenschiff. Und weil nichts anderes mehr da ist, vergesellschaften sie unseren Besitzstand, um den Zusammenbruch noch ein paar Jahre hinauszuzögern. 

Der Staat hat noch lange nicht genug 

Das Motto  kennt jeder: So lange noch etwas bei jemandem im Portemonnaie steckt, hat der Staat sich nicht genug herausgenommen. So lange der Staat nicht alles hat, haben alle noch zu viel. Kommen Sie mir nicht mit diesen Clowns von der Linkspartei,  die das ganz ehrlich so sagen. Für mich sind anderen viel schlimmer, mit ihren neuen Behörden, neuen Prüfstellen, neuen bürokratische Ungetüme. Wissen Sie, die könnten stattdessen einfach den Sparer-Freibetrag anheben. Der liegt heute bei einem Drittel des Jahres 1996. Bei einem Kaufkraft, die gerade noch bei der Hälfte von damals liegt. Aber nein, das wäre ja zu einfach! 

Jetzt säuseln sie etwas von Renditen, die unsere Kapitalrente bestimmt einspielen wird, wenn wir alle mitmachen müssen. Sie sagen dann, wir sollen uns den Fonds mit den Rücklagen anschauen, die die ehemaligen Kernkraftwerksbetreiber bilden mussten. Da seien zuletzt Gewinne von neun bis zwölf Prozent rausgekommen – in einem Markt, der insgesamt um 20 bis 25 Prozent gestiegen ist! Kunststück!

Schlank und arm in die Grube 

Aber wie gesagt, die Menschen da draußen wollen es so. Schlank und arm möchten sie sein, alles andere lohnt ja doch nicht. Wie es schon in der Bibel heißt: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Eigenheimbesitzer ins Pflegeheim! Erstmnal abgeben, was übersteht. Um zu begreifen, wie tief wir im Schlamassel stecken, muss man sich nur den von der Bundeswortbürokratie schon vor vielen Jahren geprägten Begriff "Schonvermögen" laut vorsagen. Der zeigt, wie politische Parteien und Politiker über das Eigentum ihrer Bürger denken: Eigentlich gehört alles dem Staat – als Verwaltungsmasse, um das Staatsschiff anzutreiben und auf Kurs zu halten.

Weil man aber kein Unmensch ist, gönnt man den alten, kranken und ohnehin gebeutelten Bürgern ein kleines Schonvermögen. Das will die Expertenkommission symbolisch sogar anheben. Dann haben die Alten, die sich jahrzehntelang etwas vom Munde abgespart haben, in ihren letzten Jahren ein paar Cent mehr unterm Kopfkissen als die, die sich schon immer vom Staat versorgen ließen.