| Der Flächenverbrauch der neuen EE-Anlagen für das "Projekt Fuhne" ist zu vernachlässigen: Allein die Solaranlagen brauchen nur rund 2,5 Prozent der gesamten zur Verfügung stehenden Fläche. |
Der Spatenstich für den großen Traum fand im Juni 2024 statt. Es war zu warm, zu trocken, vor allem aber war es mehr als nur der Beginn eines gewöhntlichen regionalen Wärmenetzes. Es war ein Zeichen für die ganze Welt. Dieses Projekt hier in den weitgehend entvölkerten weiten des deutschen Ostens, das wussten alle Würdenträger, die herbeigeeilt waren, markierte den Start eines Projekts, das wegweisend für die gesamte Republik sein würde.
Zum ersten Mal in der Geschichte begann der Bau eines integrierten Energiesystems für zwei komplette Städte und eine Gemeinde, die mitten dazwischenliegt. Unter Regie der Renergiewerke Fuhne und der Firma GP Joule wird erneuerbare Stromerzeugung direkt mit klimaschonender Wärmeversorgung vor Ort verbunden.
"Sorgenfrei durch jede Jahreszeit mit der komfortablen und kostengünstigen Nahwärme von den Renergiewerken Fuhne - langfristig günstig, wartungsfrei und zu gesetzlich geregelten Preisen", so werben die künftigen Betreiber für "den Komfort einer zukunftssicheren Wärmeversorgung".
Ein ehrgeiziges Ziel
Das Ziel ist ehrgeizig: Für 1,7 Milliarden Euro wird das "Projekt Fuhne" 33.000 Menschen mit erneuerbarer Wärme versorgen. Strom fällt auch noch ab, und das zu einem Preis der auf zehn Jahre hinweg festgeschrieben ist. Nur 12,23 Cent brutto pro Kilowattstunde werden die Menschen hier künftig zahlen – weniger als ein Drittel dessen, was für viele Haushalte heute noch fällig wird.
Natürlich, ein Investitionsvolumen von 1,7 Milliarden Euro klingt im ersten Moment gigantisch. Für jeden Bürger, der vom großen Vorhaben profitieren wird, sind das mehr als 51.000 Euro. Umgerechnet auf ganz Deutschland wären für eine umfassende Komplettlösung für sämtliche Städte und Gemeinde etwa 4,3 Billionen Euro notwendig. Über 20 Jahre mit regelmäßigem Schuldendienst kämen sogar rund sieben Billionen Euro zusammen.
Das Modell für Deutschland
Ein hübsches Sümmchen auf den ersten Blick. Und doch: Hochrechnungen zeigen, dass genau dieses Modell Deutschland die Energiewende endlich bezahlbar, verlässlich und krisensicher machen könnte. Denn die teure Idee ist bestechend einfach und genial zugleich: Für die Projektgemeinde am früheren Industrieflüsschen Fuhne wird nach dem Hochlauf der Gesamtanlage auf 350 Hektar Photovoltaik-Freiflächen und mit 18 Windkraftanlagen grüner Strom produziert.
Ein Teil davon treibt industrielle Großwärmepumpen an, die klimaneutrale Wärme erzeugen. Die geht über ein - parallel noch neu zu bauendes - Fernwärmenetz direkt in die Häuser und Wohnungen der über 100 Quadratkilometer verteilten Städte und Gemeinden.
Überstrom wird verkauft
Was an Strom übrig ist, wird an der Börse oder direkt an lokale Unternehmen verkauft. Die erwarteten üppigen Einnahmen sollen später den Fernwärmepreis für die Bürger noch zusätzlich senken. Um das Paket abzurunden, setzt der Aufbaustab neben Sonnen- und Windenergie auch noch auf moderne Batteriespeicher, nur für den Fall, dass gelegentlich sogenannter Mittagsstrom nicht gewinnbringend verkauft werden kann.
Das Ergebnis ist imponierend: Die regenerativen Energiequellen sprudeln vor Ort – unabhängig vom Weltmarkt. Und im Winter gibt es klimafreundliche Nahwärme aus der Nachbarschaft, ganz ohne CO₂ auszustoßen. Die 1,7 Milliarden Euro, in unbekannter Höhe ausgereicht vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) des Bundes, reichten allerdings dann doch nicht für ein Projekt für zwei Städte und eine Gemeinde. Schon vor Baubeginn schieden die weiter entfernt liegenden Kommunen aus Kostengründen aus, so dass sich die Summe jetzt für die verbleibende Stadt "Südliches Anhalt" ausgegeben werden kann.
Nachhaltig, preisgünstig und teuer
Die 13.000 Einwohner bekommen nun aber für knapp 140.000 Euro pro Kopf eine wirklich nachhaltige und preisgünstige Energieversorgung. Die muss sehr günstig werden, denn umgerechnet auf den gesamten Haushalt des Landes Sachsen-Anhalt, der bei rund 14 Milliarden Euro liegt, wird hier fast ein Zehntel ausgegeben. Die Investitionssumme ist so hoch, dass - die durchschnittlichen Energiekosten für Strom bei rund 480 bis 850 Euro pro Person und Jahr angesetzte, jeder Begünstigte davon 150 Jahre lang Strom und Gas bezahlen könnte.
Die Dimension ist klar: Wollte das Armenhaus der Republik allen seinen zwei Millionen Einwohner eine ähnlich feine und preisgünstige Wärme- und Stromversorgung spendieren, wären dazu knappe 250 Milliarden Euro an Investitionen nötig. Zinszahlungen und Hausanschlüsse, Batteriespeicher und möglicherweise widerstrebende einzelne Haushalte nicht mitgerechnet.
Nicht ohne Hilfe von außen
Kein Schnäppchen. In den zurückliegenden 35 Jahren schaffte es Sachsen-Anhalt unter Führung von CDU, SPD, FDP und Grünen zwar, insgesamt einen Schuldenberg von 25 Milliarden Euro aufzutürmen. 250 Milliarden wären aber dann doch noch einmal eine andere Hausnummer. Ohne Hilfe von außen geht es nicht, das ist klar. Hier muss ganz Deutschland ran. Es gilt, die lokale Lösung für Deutschlands Energie-, Energiepreis- und Klimaprobleme muss hochskaliert und bundesweit ausgerollt werden.
Das ist möglich, wie eine aktuelle Studie des Climate Watch Institutes (CWI) im sächsischen Grimma zeigt. Unter Leitung des Energietheoretikers Herbert Haase haben Forschende eine detaillierte Prüfung des Projektinhalts vorgenommen und eine klare Antwort auf die Frage gefunden, was möglich wäre. Dabei gehen die Wissenschaftler von einer Anschlussquote von über 70 Prozent der Privathaushalte aus, die anfangs freiwillig wäre und - vergleichbar der aktuellen Nichtpflicht-Wehrpflciht - nur beim Verfehlen der Anschlussziele mit Zwangsmitteln erreicht werden müsste.
Deutliches Zeichen setzen
Schule, Kita, Feuerwehr und kommunale Gebäude würden auf jeden Fall angeschlossen, schon um ein "deutliches Zeichen zu setzen", wie Forschungsleiter Haase erklärt. Ab einer kritischen Größe wäre das System dann skalierbar, modular und auch in bestehenden Gebäuden ohne teure Sanierung funktionsfähig. Hochgerechnet auf die gesamte Bundesrepublik mit ihren rund 41,2 Millionen Privathaushalten entstünden Gesamtkosten von etwa 4,7 Billionen Euro für das Kernsystem, haben die Forschenden errechnet.
Das wären pro Haushalt Kosten von rund 100.000 Euro - gerade im armutsgefährdeten und überalterten Regionen wie der früheren Industriegegend um Anhalt klingt das nach einer astronomischen Summe. Doch Herbert Haase ist sicher, dass selbst die zusätzlichen unabweisbaren Kosten des Komplettausbaus - etwa 50.000 bis 70.000 Euro pro Haushalt wären für Batteriespeicher, Hausanschlüsse und Hauselektronik zu stemmen - schlussenlich doch eine "im Kontext der Energiewende eine kluge, einmalige Investition in regionale Wertschöpfung, sichere Arbeitsplätze und Unabhängigkeit von Gasimporten" ergeben. "Es ist doch allemal besser, wenn wir hier nachhaltig bauen, statt teuer Öl und Gas aus dem Ausland einzukaufen."
Globales klimawirksames Modell
Um wirklich global klimawirksam zu werden, sei es allerdings zwingend, dass das Modell bundesweit ausgerollt werde. Dazu benötigte Deutschland für die Erneuerbaren-Anlagen etwa 8.870 Quadratkilometer Photovoltaik-Freifläche. Das seien nicht einmal vier ganze Saarländer. Hinzu kämen rund 45.600 Windkraftanlagen, die zusätzlich zu den bereits vorhandenen 30.000 Onshore-Anlagen errichtet werden müssten. "Da ist aber auch viel Repowering möglich", glaubt Haase. Eine Verdopplung sei vielleicht ambitioniert, aber realistisch, wenn die Neuanlagen dezentral verteilt würden.
Für wenigstens zwei Tage Dunkelflaute wären zudem rund 780 Gigawattstunden Batteriekapazität erforderlich, um den Strombedarf der Großwärmepumpen zu decken. Hier hofft Haase auf sinkende Einstandskosten und Rabattierungen, wenn der Wettbewerb bundesweit in Gang komme. "Bei aktuellen Großspeicher-Kosten von etwa 150 Euro pro Kilowattstunde lägen die Zusatzkosten bei rund 117 Milliarden Euro", sagt er.
Absicherung wird teuer
Das sei "ein Brocken, der leider für Gaskraftwerke als kostengünstigere, erprobte Alternative trommelt". Das Problem dabei sei, dass deren Errichtung als Absicherung in dem Moment teurer werden, "wenn die Betreiber sie etwa 90 Prozent der Zeit nicht betreiben sollen, sondern nur bei extremer Dunkelflaute hochgefahren dürfen." Dafür müssten sie voraussichtlich annähernd so entschädigt werden, als würden die Kraftwerke laufen. "Das ist ein Schönheitsfleck, der das Projekt dauerhaft belastet."
Letztlich handele es sich angesichts der großen Aufgabe, die zu bewältigen sei, aber nur um Kleingeld. "Ob nun vier oder sechs Billionen Euro, ob batterieelektrische Lösung oder pragmatische Gas-Backup-Variante - wir müssen das Geld in die Hand nehmen", fordert Herbert Haase. Wie sich diese gewaltige, aber zumindest für die nächsten Jahrzehnte wohl einmalige Investition finanzieren ließe, haben die Forschende in Zusammenarbeit mit Kreditexperten der Volks- und Raiffeisenbanken konzipiert.
Am günstigsten, sagen sie wäre eine zielgerichtete, langfristige Staatsfinanzierung über Bundesanleihen - ein "Sondervermögen Fuhne", das "genau wie bei früheren Krisenpaketen und Rüstungsanstrengungen funktioniert".
Doppelte Zahlen für den guten Zweck
Beim derzeitigen Zinsniveau von rund 2,7 Prozent für 10-jährige Bundesanleihen und einer Laufzeit von 20 Jahren ergibt sich ein realistisches Bild: Die 4,25 Billionen Euro entsprechen etwa dem 1,6-Fachen der aktuellen deutschen Staatsschulden von derzeit 2,65 Billionen Euro. Die jährlichen Zinskosten würden anfangs zwar bei rund 115 Milliarden Euro liegen, aber im Schnitt über die gesamte Laufzeit nur bei etwa 65 Milliarden Euro pro Jahr. "Das wäre ein Vedopplung der derzeitigen Zahlungen, aber ja doch für einen sehr guten Zweck."
Insgesamt summieren sich die Zinsen auf rund 1,306 Billionen Euro bis zum Ende der Rückzahlung – alles in allem 15.000 Euro pro Bürger bei kumulierten Gesamtkosten von 50.900 Euro für das Kernprojekt. "Das sind letztlich keine 800 Euro pro Jahr und Kopf über 20 Jahre, im Monat sogar nur knapp 70 Euro." Im Vergleich gesehen, zahlten heute viele Haushalte jährlich deutlich mehr für fossile Heizung und teuren Strom aus Gas, Kohle und französischen Kernkraftwerken.
Projekt Fuhne als Vorbild
Zwar kämen die eigentlichen Energiekosten auch bei der preiswerten Lösung nach dem Vorbild des "Projekts Fuhne" am Ende noch on top auf die Investitionsrechnung obendrauf. Aber hier fließe das Geld in dauerhafte Infrastruktur, die sich durch gesparte Energiekosten, regionale Wertschöpfung und CO₂-Einsparungen schon nach etwa 25 Jahren amortisiert haben werde.
Die Vorteile des Gesamtsystems sind wirklich vielfältig", sagt Herbert Haase. Die gewonnene Wärme seit CO₂-neutral, die Stromüberschüsse, die nach einem erfolgreichen Aufbau des systems im ganzen Land alle Städte und Gemeinden zur selben Zeit gewinnbringend an der Börse verkaufen werden, stabilisieren das Netz und senken so auch die vielbeklagten hohen Energiepreise für Gewerbe und Industrie vor Ort.
