Dienstag, 9. Juni 2026

Musk: Die erste Billion ist die schwerste

Würde SpaceX auch an der Börse abheben, wäre es das Schlimmste, was Europa passieren könnte.

Seit Donald Trump seine erste Amtszeit anstrebte, war niemand mehr so gehasst worden wie der Mann aus Afrika. Drogensüchtig sei er, ein Spinner, Betrüger und ein Meister der leeren Versprechungen, schlimmer sogar als der deutsche Bundeskanzler, hieß es voller Abscheu. Bedauernd betrachtete das frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", was aus dem großen Innovator geworden war, der "die coolsten Autos baute, Raketen ins All schoss und sich mit den amerikanischen Präsidenten traf". Ein Hitlergrüßer. Ein Libertärer. Ein Unterstützer der Falschen.

Harte Vorwürfe aus Europa 

Elon Musk habe vor, die Meinungsfreiheit weltweit auf sich selbst zu beschränken. Er wolle das Weltall besitzen, den Mars zu seiner privaten Kolonie machen und er arbeite an Algorithmen, die es ihm gestatten würden, die Öffentlichkeit in Europa nach Belieben zu manipulieren. Der Mittfünfziger, kurz zuvor noch Deutschlands Retter vor der Rezession, war Staatsfeind Nummer eins. "Ich habe dieses Autos gekauft, bevor Elon verrückt wurde", klebten sich anständige E-Auto-Pioniere an ihren Tesla. 

Umweltaktivisten attackierten Musks Fabriken mit Brandbomben. Medienaktivisten schürten Zweifel an der Solvenz des Südafrikaners. Die EU-Kommission versuchte noch einmal, den reichsten Mann der Welt zu einer Einvernehmung vorzuladen. Doch wie schon bei seiner Aufforderung, sich vor dem damals noch als mächtig und bedeutsam geltenden EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton zu verantworten, ignorierte Elon Musk die ihm gebotene Chance, bei EU-Chefin Ursula von der Leyen selbst um Verzeihung zu bitten.

Täuschender blauer Haken

In Brüssel, Paris und Berlin wurden die Geschütze durchgeladen. Die Kommission war X vor, Konsumenten mit einem blauen Haken getäuscht zu haben. Vorschriften über Werbetransparenz seien verletzt, Forschern der Zugang zu Datenzugang verwehrt worden. Die entsprechenden Vorschriften, die der Kommission eine Deutung ihrer Rechte nach Gutdünken erlauben, hatten die Regierungen der EU-Staaten viele Jahre zuvor beschlossen, um in EU-Europa einen einheitlichen Meinungsraum mit scharfer Kontrolle zu schaffen. 

Jetzt nahm sich die Kommission testhalber den Mann vor, der mit den Falschen flirtete, Bürokratieabbau mit der Kettensäge betrieb und den für so viele Fake News öffentlich-rechtlicher Sender verantwortlichen Algorithmus seiner Hassplattform X einfach offen ins Netz stellte. Einerseits gab es im Europas "Foolish war against X" (Wallstreet Journal) die üblichen Millionenstrafen. 

Europas digitale Abkassiermethode 

Das ist die einzige Methode, mit der Europa vom digitalen Wandel profitiert. Da es dem "wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt" (Mario Draghi) auch anderthalb Jahrzehnte nach dem erfolgreichen Abschluss der Lissabon-Strategie vollständig an eigenen Internet- und KI-Konzernen fehlt, bleibt nur der Rechtsstaat, um wenigstens eine bescheidene Dividende zu kassieren.

Wichtiger aber als die Bußgelder, die gegen Musk und seine Firmen verhängt wurden, war der EU und den Regierungen in Paris und Berlin der Deutungskampf mit Musk. Von der Kommissionspräsidentin bis zum grünen Hinterbänkler und von der radikalen Linken-Abgeordneten über aus der Gnade gefallene Sozialdemokraten bis zu CDU-Parlamentariern mit Reichweitenneid war sich die demokratische Mitte einig: Man dürfe US-Milliardären nicht die zuhören. Ihre Plattformen nicht nutzen. Ihre Autos nicht fahren. Ihre KI nicht befragen.

Der Verlierer 

Die Kampagne, losgebrochen wie eine Naturgewalt, trug reiche Früchte. Heerscharen von Propagandisten machten sich über die Bücher des Firmenimperiums rund um Tesla her. Und befriedigt konnten sie feststellen: Musk sei dabei, "sein märchenhaftes Vermögen zu verspielen", seine Neuerwerbung X werde in Kürze pleitegehen und auch die Insolvenzgefahr bei Tesla steige. Nachrufschreiber auf den Multi-Milliardär wurde Anfang 2025 zu einer festen Spezialisierung in den Schreibmaschinengewehrstellungen der ehemals großen Magazine, Tages- und Wochenzeitungen.  

Der Fantasie der "hasserfüllten Verleumder" (Neues Deutschland) waren keine Grenzen gesetzt, denn Elon Musk klagte nie, er stellte keine Strafanzeigen und gab bei Hate Aid nicht um Hilfe der Betroffenenberatung. Die Uhr tickte. Die Freunde über das bevorstehende Scheitern des Visionärs, dessen Kühnheit ihn für jeden europäischen Funktionär zu einem fürchterlichen Erfolgsmodell macht, sie löste Vorfreude aus wie eine unmittelbar anstehende EU-Erweiterung. 

Hohn und Spott aus Frankfurt 

Die Frankfurter Rundschau, seit ihrer letzten Insolvenz im Jahr 2012 durch viele Hände gegangen, mit jeder Stufe des Niedergangs weiter radikalisiert und inzwischen gleichgeschaltet mit dem früher ideologisch konträren "Münchner Merkur", spottete höhnisch über die wachsende Insolvenzgefahr bei Tesla, verursacht durch Musks "dramatischen Imageverlust". Bei der SPD-Propagandafabrik RND rieb sich der ausgewiesene Experte Frank-Thomas Wenzel die Hände über den Untergang des "vermeintlichen Wunderunternehmers".

Musk laufe die Zeit davon, freut sich Kenner. Wenzel war anzumerken, wie zufrieden er darüber ist, dass seine zwei Jahre zuvor getroffene Vorhersage, "das Wunderkind ruiniert sein Lebenswerk" endlich einzutreffen im Begriff war. Musk verlor Milliarden! "Ist er in einem halben Jahr pleite?", fragte Peter DeThier in der "Berliner Morgenpost". 

"Teslas letzte große Chance" 

Der "Spiegel" sah "Teslas letzte große Chance" gekommen. Beim RND, im politischen Berlin wegen seiner klaren Ausrichtung auf linke Positionen als "Reichsnachrichtendienst" beschmunzelt, vergossen sie Krokodilstränen. Die Tesla-Talfahrt zeige "das Dilemma des Innovators namens Elon Musk". ARD und ZDF wollten da nicht an der Seitenlinie stehen. Sie schalteten von Hitler-Dokus auf Musk-Enthüllungen um. 

Überall "gefährliche Unfälle, Autopilot-Fehlfunktionen, Beschwerden und brisante Whistleblower-Enthüllungen". Überall Widerstand gegen die Übermacht aus Amerika. Überall feste Entschlossenheit, diesen gesamten gefährlichen Quatsch mit selbstfahrenden Autos, Robotern, Weltraumfahrt und KI nicht mitzumachen. Alles sei nur eine Blase. 

Wie damals bei der Euphorie um EM.TV. Mobilcom und Intershop werde auch dieser Neue Markt gnadenlos abstürzen, wenn Europa erst seine Stärken ausspiele. Elektroautos von VW. Paraffinraketen von "europäischen Raumfahrt-Champions" (Manager-Magazin). und KI-Gigafabriken, in denen die besten europäischen Kontrollbehörden neue Genehmigungsverfahren an Abakussen mit Quantenantrieb planen.

Leider trotzdem Billionär 

Nun aber wird doch Elon Musk also der erste Billionär der Weltgeschichte. Mit dem Börsengang seiner Zweitfirma SpaceX wird der 54-Jährige seinen Reichtumsvorsprung zu Larry Page und Sergey Brin noch einmal ausbauen. Derzeit liegt Musks Vermögen mit 750 bis 800 Milliarden Dollar ein wenig mehr als doppelt so hoch wie das der beiden Google-Gründer. 

Den vorbörslichen Kursen von SpaceX zufolge wird sich der Betrag allerdings am Freitag verdoppeln, wenn mit dem Börsengang eine Bewertung der Weltraumfirma durch Anleger erfolgt. Elon Musk hält direkt und indirekt 42 bis 49 Prozent der Aktien, die zum Preis von 135 Dollar emittiert werden. Der Börsenwert des Unternehmens läge bei diesem Emissionspreis bei 1,77 Billionen Dollar.  

Das würde Musks Gesamtvermögen auf etwa 1,6 Billionen Dollar verdoppeln. Vorab aber werden SpaceX-Aktien bereits zu Kursen zwischen 150 und 200 Dollar gehandelt. Musk käme damit in die Nähe der Zwei Billionen-Schwelle.

Alles wussten, was er tun muss 

Und das, obwohl er alles falsch gemacht hat. Und das, obwohl er nie auf die guten Ratschläge von Frank-Thomas Wenzel ("Finger weg von dem privaten Kryptogeld"), Mark Schieritz und Simon Book gehört hat. Sie alle wussten, wie es besser hätte laufen können. Sie alle hätten aus den neun Milliarden Dollar Risikokapital, mit denen SpaceX vor 24 Jahren startete, etwas Vernünftiges gemacht. Vielleicht einen Lieferdienst. Eine neue Hassmeldestelle. Oder ein Portal, das den erfolgreichen Vollzug der neuen EU-Bürokratierichtlinie zur Gehaltstransparenz in Echtzeit abbildet. 

Selbst der Umstand, dass deutsche Neobroker Einladungen zur Zeichnung von SpaceX-Aktien versenden, sorgt für Empörung. "Unbedarfte Kleinanleger" würden in die Falle gelockt, heißt es. Und die Regierung schütze sie nicht vor Musk schamlosem Versuch, "Millionen von Börsenneulingen in dieses hochspekulative Zockerpapier zu locken". Dabei wäre das Geld in einem ordentlichen Riesterfonds - ab demnächst umbenannt in "Altersvorsorgedepot" - viel besser aufgehoben. 

Im Neid- und Abwehrmodus 

Deutschland im Neid- und Abwehrmodus. Das Land, das noch vor 20 Jahren als Technologieführer in vielen Bereichen geachtet wurde, hat sich eingemauert in der Sattheit des vergangenen Jahrtausends. Die Roboter bauen andere. Die Künstliche Intelligenz wird nicht gebraucht. Innovation ist, wenn man sich von der EU mit  20 Jahren Verzögerung einen "digitalen Euro" und eine "digitales Wallet" nachbauen lässt.

In Schleswig-Holstein sind sie stolz wie Bolle, ihre Unabhängigkeit durch den Umstieg von Microsoft auf Linux zu erkämpfen. Die Rechner, auf denen das quelloffene Betriebssystem läuft, werden weiterhin auf Chips von Samsung, TSMC, Intel, Qualcomm und Nvidia angewiesen bleiben, weil die EU auch drei Jahre nach der Verabschiedung ihres "Chips Act" weit entfern vom ausgerufenen Ziel ist, ihren Weltmarktanteil bei der Chip-Produktion auf 20 Prozent zu verdoppeln.

Neue Gesetze als Innovation 

Es gelingt nicht einmal mehr, sich ordentlich etwas vorzumachen. Gerade erst hat die EU-Kommission als höchste Planungsbehörde des Kontinents erklärt, sie wolle  mit einem weiteren "Gesetzespaket" namnes "Chips Act 2.0" noch einmal dafür sorgen, dass Europa "unabhängiger von digitaler Infrastruktur aus den USA und China" wird. Um das zu organisieren, will die EU die "unter anderem die Nachfrage nach europäischen Halbleitern wachsen" lassen, obwolh es diese europäischen Halbleiter faktisch nicht gibt.

Das Zurückbleiben beim technischen Fortschritt wird von der Brüsseler Behörde konsequent mit denselben Methoden bekämpft, die erst zu eben diesem Zurückbleiben geführt haben. Dass der Börsengang von SpaceX nach Angaben von Andrew Benson, dem Gründer der Pre-IPO-Handelsplattform Hill Markets, etwa 4.000 Millionäre schaffen und einigen hundert langjährigen SpaceX-Mitarbeitern sogar Vermögen von mehr als 100 Millionen bis zu 500 Millionen Dollar einbringen wird, ist in Europa kein Grund zu fragen, warum das hier nicht möglich ist. Sondern Anlass, von Übertreibung, Blase und Hyperkapitalismus zu reden.

Auf dem Boden der Tatsachen 

In der EU muss nichts abheben, um auf dem Boden der Tatsachen zu zerschellen. Ob Mitarbeiter von Samsung in Südkorea wegen der gigantischen Gewinne durch die Chipengpässe 400.000 Dollar Bonus bekommen oder der Börsengang von SpaceX eine Billionenbewertung einer Firma offenbart, die pro Monat mehr raketen ins all schießt als die gesamte EU im Jahr - der erste Reflex ist der Verdacht, das dürfe alles nicht wahr sein, ginge es nach unseren Regeln zu. 

Nach denen sollen jetzt auch Raketen gebaut, nach denen sollen Satellitennetzwerke errichtet und die europäische "Resilienz" auf allen Ebenen erreicht werden. Das alles ohne Risikokapital, wie es die Käufer der SpaceX-Aktie Musk zur Verfügung stellen werden. Das alles nach Kommisariatsbeschluss und und ohen Kursschwankungen. 

Das Geschäftsmodell wird tot sein 

Spätestens, wenn die SpaceX-Aktie die ersten zehn Prozent Kursgewinn wieder abgegeben hat, werden die Kritiker zur Stelle sein und das Geschäftsmodell totsagen. Auch ein Unternehmen mit Milliardenumsätzen und hoher Profitabilität, das vergangenen Jahr je nach Betrachtung aus 15 bis 19 Milliarden US-Dollar Umsatz 6,6 bis acht Milliarden Dollar Gewinn gemacht hat, ist kein Geld der Welt wert, werden sie sagen, weil ja so riesige Investitionen in xAI, das Starship, die Starlink-Satelliten und neue Rechenzentren pumpen muss. 

In zehn Jahren dann werden dieselben Leute triumphieren, wenn Musk gescheitert ist. Oder ganz still sein, weil wieder die anderen ihre Gewinne zählen.