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| Ein Bild für die Große Ruhmeshalle im Brüssler Berlaymont-Palast: Syriens Diktator Abu Mohammed al-Jawlani, inzwischen unter seinem neuen Namen Ahmed al-Scharaa als "Übergangspräsident" Teil der westlichen Wertegemeinschaft, empfängt Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa zur Audienz im kriegszerstörten Damaskus. Abb: Kümram, Öl auf Brokat |
Was war das für eine traumhafte Woche für Ursula von der Leyen und António Costa, den ehemaligen Premierminister Portugals! Erst der tolle Empfang in Jordanien, einer verlässlichen Monarchie, in der die Rechte der Palästinenser fast so wichtig genommen werden wie die der Christen im Gazastreifen. Dann der Abstecher in den Libanon, einen der korruptesten Staaten weltweit, der im
Corruption Perceptions Index (CPI) 2024 von Transparency International mit einer Punktzahl von 22 von 100 auf Platz 154 von 180 Ländern rangiert. Hier sind Amerikaner noch verhasster als europäische Belehrungen. Und hier wird seit Jahrzehnten vorgelebt, wie hohe Rüstungsausgaben Wohlstand schaffen, ohne das Land sicherer zu machen.
Schulterschluss mit Menschenschindern
Von Beirut aus meldete sich Europas Reisegruppe hochzufrieden. "Europa und Libanon können auf gemeinsame mediterrane Wurzeln und eine lange Tradition des Austauschs, des Dialogs und der Zusammenarbeit zurückblicken", lobten Leyen und Costa. Man habe zudem "ein gemeinsames Ziel – Stabilität, Sicherheit und Wohlstand unserer Bevölkerung".
Weder da noch dort klappt es damit so richtig. Aber "unsere heutige Partnerschaft ist stark und wir möchten sie noch weiterentwickeln." Kein Wort der Kritik am Regime. Kein Hinweis auf mangelnde Pressefreiheit, eingeschränkte Grundrechte und die Verweigerung von Staatsbürgerschaft, Bewegungsfreiheit, Eigentumserwerb und Zugang zu vielen Berufen für Palästinenser im Land, selbst wenn sie schon Jahrzehnte im Libanon leben.
Nehmen, was man kriegt
Viele Verbündete hat die EU nicht mehr. Sie muss nehmen, wer immer sich ihr noch zuwenden will. Bei ihrer Reise nach Nordafrika suchten von der Leyen und António Costa nicht nur nach besserem Wetter als daheim, sondern auch nach einem der berühmten Signale. Die Welt sollte sehen, dass EU-Europa nicht allein steht zwischen den großen Weltmächten.
Die Völker sollten erkennen, dass es kein leeres Versprechen war, das die Mütter und Väter der Maastrichter Verträge abgaben, als sie versicherten, ohne ein Zusammenrücken der vielen kleinen Staaten auf dem alten Kontinent würden die Großmächte künftig einfach über europäische Interessen hinwegsehen und -gehen.
Europa ergibt sich nicht
So ist es dann auch gekommen. Doch EU-Europa ergibt sich nicht. Mit "klarem Kompass" (Merz, von der Leyen) und "klarem Wertekompass" (Klingbeil) wirbt die Führung der Gemeinschaft um das, was an potenziellen Partnern noch übrig ist. Neben Jordanien und in dem Libanon ist Syrien erste Wahl - Krönung der gemeinsamen Reise zu den "strategischen Partner im Nahen Osten und im Mittelmeerraum" war der festliche Empfang beim Schlächter von Aleppo, dem zum Wertepartner ernannten Terrorfürsten Abu Mohammed al-Jawlani.
Der 43-Jährige hatte seinen alten islamistischen Kampfnamen abgelegt, um unter dem neuen Ahmed al-Scharaa als syrischer "Übergangspräsident" Teil der westlichen Wertegemeinschaft zu werden. Aus Dankbarkeit für die von seinen Mörderbanden bewirkte Befreiung Syrien vom Joch des mir Russland verbündeten Präsidenten Baschar Al Assad strichen die USA al-Jawlani von ihrer Terrorliste. Auf die der EU hatte es der Gründer der Al-Nusra-Front zum Glück nie geschafft.
Dankbar für den Empfang
Unbefangen traten Ursula von der Leyen und ihr Begleiter António Costa im völlig zerstörten Damaskus vor den erst jüngst bei einer Art Wahl bestätigten Machthaber des befreiten Syrien. Ursula von der Leyen strahlte, die Kommissionspräsidentin wusste beim Empfang im Spiegelsaal des mehr als 30.000 Quadratmeter großen Volkspalastes (قصر الشعب) auf dem Mount Qasioun schon, dass eine denkbar knappe Mehrheit der EU-Staaten daheim Ja zum Mercosur-Abkommen sagen würde.
Eine Erleichterung nach einem Vierteljahrhundert aufreibender und hektischer Verhandlungen, auch wenn Frankreich stur blieb und in Zukunft wohl jede Gelegenheit nutzen wird, die Übereinkunft zu torpedieren. Jetzt kann die EU zollfrei Geschäfte mit so unterschiedlichen Regimes wie dem des linken Populisten Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien und dem des "Faschisten" (Die Zeit) Javier Milei in Argentinien machen, ohne dass es die Grünen, die AfD, die SPD oder die Franzosen noch verhindern können.
Ein Anti-Trump-Pakt
Als "Anti-Trump-Pakt" (Morgenpost) soll das Abkommen "eine der größten Freihandelszonen des Planeten mit mehr als 750 Millionen Verbrauchern zu schaffen". Ausgerechnet das von der "Neofaschistin" und Trump-Anhängerin Giorgia Meloni geführte Italien sorgte mit seinem Votum für die notwendige Mehrheit, um Frankreich und Polen zu überstimmen und die Kommission vor einer weiteren Blamage zu bewahren. Von der Leyen hatte Meloni dazu zugesichert, die Beihilfen für die italienische Landwirtschaft im Zeitraum 2028 bis 2034 nicht wie geplant zu kürzen, sondern sie auf 45 Milliarden Euro deutlich zu erhöhen.
Es geht um Höheres, um viel größere Ziele. Unter dem Druck der drei Weltmächte USA, China und Russland sehen sich die Brüsseler Bürokraten gezwungen, die traditionell wie Fahnen geschwungenen vermeintlichen Prinzipien dem eigenen Überleben zu opfern. Gelenkig wie Costa und von der Leyen im Prachtpalast des neuen syrischen Diktators die Hand auf Herz legten, um die Weigerung des Islamisten zu überspielen, ihnen seine blutbefleckte Hand zu Gruß zu geben, gelingt es ihnen auch, die jähen Wendungen im eigene Wertevorrat zu maskieren.
Eitel Freude über neue Freunde
Während die Lage der Demokratie in den Vereinigten Staaten überall in Europa große Sorge erregt, gilt der neue Schulterschluss mit den autoritären Regimes in Amman, Beirut und Damaskus als eitel Grund zu großer Freude. Da wächst zusammen, was zusammengehört, aneinandergeschweißt vom besten, was EU-Europa an Führungspersonal zu bieten hat. Ursula von der Leyen, von Angela Merkel einst als ihre Nachfolgerin auserkoren, dann aber durch außergewöhnliche Umstände gezwungen, relativ rasch nach Brüssel zu wechseln, steht nicht allein in diesem Titanenkampf.
Ihr Reisebegleiter António Costa, ein Sozialist, der in diesen Tagen den 45. Jahrestag des Beginns seiner politischen Laufbahn feiern kann, ist von ähnlichem Kaliber. Vor 30 Jahren wurde er erstmals zum Staatssekretär einer portugiesischen Regierung ernannt. Vor 20 Jahren wurde er Regierungschef in Lissabon. Vor zwei Jahren dann musste er nach Korruptionsvorwürfen und Durchsuchungen am Regierungssitz und in Ministerien im Zusammenhang mit der Vergabe von Abbaulizenzen für Lithium und der Produktion von grünem Wasserstoff zurücktreten. Irrtümlich, denn später stellte sich heraus, dass die Staatsanwaltschaft nicht gegen ihn, sondern gegen seinen Wirtschaftsminister Antonio Costa Silva ermittelt hatte.
Europa hilft seinen Freunden
Glück im Unglück für den erst 64-Jährigen: Europa lässt seine Freunde nicht fallen. Keine drei Monate blieb der Mann, der als portugiesischer Regierungschef vier Feiertage und die 35-Stunden-Woche für Staatsbedienstete eingeführt und die Erbschafts- und Vermögenssteuer erhöht hatte, ohne Job. Dann fand sich eine Anschlussverwendung als Präsident des Europäischen Rates, eine Art Frühstücksdirektor für die EU-Gipfel. Costas Funktion darf keinesfalls verwechselt werden mit der Tätigkeit der 20 Vizepräsidenten der Parlamentarischen Versammlung des Europarats. Der umfasst alle 47 europäischen Staaten, darunter sogar das in Vorderasien liegenden Aserbaidschan. Costa hingegen ist ausschließlich für die 27 EU-Staaten zuständig.
Die sprechen durch ihn und Ursula von der Leyen mit einer mächtigen Stimme. Ohne sich mit kleinlichem Geschimpfe über den Umgang der neuen syrischen Herrscher mit den - kürzlich noch mit der EU verbündeten - Kurden aufzuhalten, brachte das europäische Demokratieduo freigiebige Geschenke mit nach Damaskus. 620 Millionen Euro werde die EU allein in den kommenden beiden Jahren in die Verbesserung des zuletzt vom deutschen Außenminister Johann Wadephul kritisierten Stadtbildes im früheren Assad-Reich stecken.
Niemand muss das bezahlen
Wer das bezahlen wird, ist klar. Die Bürgerinnen und Bürger jedenfalls nicht, denn die EU-Kommission rechnet vor, dass europäische Exporteure durch das Mercosur-Abkommen mehr als vier Milliarden Euro pro Jahr sparen werden. Die "neue politische Partnerschaft" (Ursula von der Leyen) der Europäischen Gemeinschaft mit den Schurkenstaaten im Nahen Osten, die "mit einem hochrangigen Dialog noch in der ersten Jahreshälfte beginnen soll", ist ein Geschenk der Wertegemeinschaft an sich selbst, vor allem aber ein deutliches Zeichen an die früheren Verbündeten in Amerika. Europa kann auch anders, Europa kann auch allein. Die EU ist resilient, sie muss niemanden betteln, um ihre überragend wichtige Rolle auf der Weltbühne spielen zu dürfen.
Machtwort aus Brüssel
Gerade mit Blick auf die Begehrlichkeiten, die Donald Trump zuletzt immer wieder Richtung Grönland formuliert hat, ist das auch ein Akt der Abnabelung. Nur weil Dänemark den Grönländern die 2009 zugesagte Abstimmung über eine Unabhängigkeit des bereits 1985 aus der EU ausgeschiedenen Überseegebietes weiterhin verweigert, ist kein anderer Staat berechtigt, den 57.000 Grönländern Avancen zu machen.
"Grönland gehört den Grönländern", hat sich selbst die internationalistische deutsche Linkspartei die zuletzt vor zwei Jahren auf Sylt intonierten nationalistischen Forderungen nach einem Europa der Vaterländer angeschlossen. Bei António Costa stößt die These auf klare Unterstützung. "Grönland gehört seinem Volk", sagte der portugiesische Völkerrechtsexperte, der den Grönländern anschließend allerdings klarmachte, dass sie selbst trotzdem nicht das Sagen haben. "Nichts kann für Dänemark und für Grönland ohne Dänemark und ohne Grönland entschieden werden", legte der EU-Ratschef fest, der aus völkerrechtlicher Sicht so wenig für das Nicht-EU-Gebiet Grönland zuständig ist wie für Papua Neuguinea.









