| Der Pazifist von heute muss nicht nur für den Frieden sein, er ist zugleich verpflichtet, strikte Distanz zu anderen zu halten, die auch für den Frieden sind. |
Es ist wieder ein frischer Frühlingstag nach einem viel zu warmen Winter, an dem sich die letzte Versprengten einer vergangenen Zeit auf den Märkten und Bahnhofsvorplätzen treffen, um eines jener "Zeichen" zu setzen, für die Deutschland berühmt ist. Egal, wo diese letzten traditionellen Ostermärsche stattfinden, egal, wer sie organisiert. Mehr als eine Handvoll Menschen finden sich nirgendwo ein, um dem Krieg die Stirn zu bieten. Oft kommt nicht einmal mehr der Lokalredakteur vorbei, um Notiz zu nehmen und ein Handyfoto zu machen. In der "Tagesschau" läuft "Ostermarsch" unter "Was sonst noch passierte".
Kompliziert wie nie
Friedensbewegt zu sein, ein Pazifist und aufrechter Christ, ist so kompliziert wie nie. Was darf noch? Was nicht? Welcher Krieg ist ein guter, welcher Frieden sehr schlecht? Traurig stehen sie dann da, die voneinander nicht wissen, wer welche Frage wie beantwortet hat.
Sie begutachten sich gegenseitig argwöhnisch. Ist der Nebenmann ein aufrechter Pazifist? Oder ein Friedensschwurbler? Diese Fahne da, ist die palästinensisch oder russisch? Darf man mit der Frau im Wickelrock gesehen werden, die dort vorn gegen die Kriegstreiber wettert? Hat der angebliche Gewerkschafter, der vorhin so aufrüttelnd sprach, nicht auch Netanjahu gesagt? Sind hier etwa neben Antiamerikanern auch Antisemiten willkommen?
Die guten alten Zeiten des kalten Krieges
Früher, in der guten alten Zeit des kalten Krieges, als die Weltmächte in Afrika, Asien und Südamerika ihre Proxys gegeneinander kämpfen ließen, hatten hier Tausende gestanden, Kerzen in den Händen, Schilder mit der Aufschrift "Amis go home", "Atomwaffenfreie Zone" und "Kein Blut für Öl". Es einte sie das gute Gefühl, es besser zu wissen als die da oben mit ihrer kühlen Machtarithmetik. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wer Waffen auf uns richtet, auf den müssen wir Waffen richten. Der Friede muss bewaffnet sein.
Alles falsch, das wussten Hunderttausende. Im Osten durften sie es nicht sagen, doch im freien Westen trugen sie ihre frohe Botschaft Jahr für Jahre auf die Straßen. Wenn eine Seite der anderen die andere Wange hinhält, wird alles gut. Dann werden doch auch verbohrte Kommunisten, die aber Jahrzehnte hinweg jeden inneren Widerstand brutal und blutig niedergeschlagen haben, ihre Atomraketen zerstören, ihre Panzer verschrotten und sich wie Wölfe friedlich zu den Lämmern legen.
Die Welt war gut
Die Welt war gut, denn sie war einfach. Pazifismus richtete sich im Westen wie im Osten gegen den Staat, gegen dessen Rüstung und gegen dessen unerbittliche Machtkalkulation. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, das war die Logik aller Bundesregierungen seit Adenauers Wiederbewaffnung.
Allein machen sie dich ein, das war die Vereinbarung, die zur Gründung der Nato führt. Unten im Volk träumten sie den romantischen Traum von allen Menschen, die Brüder werden. Der Staat war beiderseits der deutschen Grenze der Feind aller friedliebenden Bürger: Gäbe es ihn nicht, diese Überzeugung einte von links bis ins liberale Bürgertum Millionen im Westen und alles unterhalb der SED-Funktionärsebene im Osten, könnte das Leben so einfach sein.
Nur noch ein Häufchen Marschierer
Seitdem ist es kompliziert geworden, so kompliziert, dass zum Ostermarsch nur noch kleine Häufchen von Unverbesserlichen antreten. Der Wind reißt an den wenigen Transparenten, auf denen Forderungen für Abrüstung und Frieden auch immer noch Platz sein muss für Distanzierungen und Klarstellungen. Frieden ja, aber nur dort, nicht da. Abrüstung auf jeden Fall, aber bei unbedingter Beibehaltung der Grundabschreckung. Wehrpflicht, nein danke, aber bitte kein russischer Einmarsch bis zum Rhein.
Die große Friedensbewegung, die einst ganze Städte mobilisiert hatte, ist still geworden, ein Grab des Pazifismus, aus dem einmal im Jahr die letzten Aktivisten steigen, verwirrt von einer Zeit, die so anders ist als die, die sie früher war. Damals, in den 80ern, gehörte es zum guten Ton, sich als Feind des Staates zu verstehen, der Unsummen in Rüstung pumpte und die Armen darben ließ.
Ehrensache, Systemsprenger zu sein
Eine andere Welt zu wollen, ein anderes System, Systemsprenger zu sein, das war Ehrensache. "Plant uns bloß nicht bei euch ein", formulierte eine Band aus Köln die Absage einer ganzen Generation an eine Bundesregierung, die sie als Kanonenfutter für den Ernstfall fest eingeplant hatte. Beim Reim "Wir sind Deserteure, kein Land, auf das ich schwöre" sangen selbst Gediente leidenschaftlich mit.
Der Ostermarsch, entstanden vor mehr als sechs Jahrzehnten, war das Ritual der Selbstvergewisserung, es nicht nur besser zu wissen, sondern auch ernst zu meinen. Man marschierte zur Mahnung, ohne Hoffnung, mit seinem Protest gegen Krieg und Aufrüstung etwas zu bewirken.
Der Reflex war vorsorgender Natur wie heute die vielgebrauchte Fantasieforderung, man müsse wegen der Energiekrise "jetzt schnell auf Erneuerbare setzen". Ginge alles gut, wäre das sehr schön, Gehe es schief, würde man nach dem Ende der Welt wenigstens sagen können, man habe immer schon gewarnt.
Ein Ritual ohne Kern
So einfach ist das heute nicht mehr. Seitdem wieder Krieg in Europa und im Nahen Osten herrscht, hat das gewohnte Ritual seinen festen Kern verloren. Der Staat ist heute nicht mehr Gegner und Feind, sondern Freund und Geliebte. Die Bundeswehr wird nicht gefürchtet, sondern bedauert. Die Nato ist keine Gefahr, sondern in Gefahr auseinanderzubrechen.
Was Putin und Trump und Netanjahu betrifft, ist alles noch übersichtlich. Der überzeugte Friedensfreund hält sie alle gleichermaßen für Gefährder. Doch wie mit dieser Überzeugung umzugehen ist, daran scheiden sich die Gemüter. Wer darf sich wehren und wer nicht? Wer betreibt Appeasement und warum ist das diesmal richtig? Oder ist es falsch? Ist Putin der neue Hitler oder Trump? Wo ist sie hin, die Zeit, in der man noch glaubte, man könne gegen den Krieg sein, ohne sich mitschuldig zu machen?
Eine breite, bunte Kraft
Die Geschichte der deutschen Friedensbewegung begann nach 1945 als tiefe, emotionale Ablehnung von Militarismus und Gewalt. Im Kalten Krieg formierte sie sich zu einer breiten, bunten Kraft, die geeint wurde von der Verachtung für die etablierten Parteien und Institutionen.
Im Westen demonstrierten Hunderttausende gegen den NATO-Doppelbeschluss, im Osten trugen junge Menschen das Symbol "Schwerter zu Pflugscharen", bis sie ein Polizist zwang, sie abzutrennen. Man war sich einig: Krieg darf niemals wieder Mittel der Politik sein. Man wusste genau, dass der nächste Krieg der letzte sein würde. Man trat den Grünen bei, die dieses Lebensgefühl zur Partei gemacht hatten.
Gesprochen wurde immer
Niemand traute den Versicherungen der Obrigkeiten, dass es ausgerechnet die Atombombe sei, die den Frieden sichere. Und niemand protestierte, als es den verfeindeten Supermächten USA und Sowjetunion mitten im Vietnamkrieg gelang, miteinander zu verhandeln. Erfolgreich sogar: Sie schlossen Abrüstungsabkommen, besiegelten den bis heute geltenden Weltraumvertrag und verhinderten letztlich jede direkte Konfrontation so erfolgreich, dass der letzte Krieg nie ausbrach.
Auch Westeuropa und Deutschland taten, was sie konnten: Gern ließ man sich von der Sowjetunion, die gerade in Afghanistan einmarschiert war, weiter Öl und Gas liefern. Nie standen die eigenen "Werte" einem Gespräch oder einer Geschäftsvereinbarung mit menschenverachtenden Systemen wie dem in der DDR, in Kuba oder China im Wege. Wandel durch Handel war wichtiger als Erziehung durch Sanktionen.
Zwei bessere Systeme
Jeder glaubte, dass sein System das bessere sei und sich dadurch am Ende ja doch durchsetzen werde. Jeder wusste, dass Dialog und wirtschaftliche Verflechtung bis dahin nützlicher sind als die gegenseitige Vernichtung. Alles basierte auf pragmatischer Vernunft und einem langen Atem. Ab Anfang der 80er Jahre waren sie im Westen sehr sicher, dass das kommunistische Lager im nächsten Vierteljahrhundert zusammenbrechen werde. Ab Mitte der 80er schwante das der Führung in Moskau auch.
Als es so weit war, früher als gedacht, ergab sich das Weltreich ohne einen Schuss. Niedergerungen von der wirtschaftlichen Überlegenheit der Marktwirtschaft, die es vermocht hatte, die Rüstungsfähigkeiten der Kommunisten so zu strapazieren, dass sämtliche Ostblockstaaten Anfang der 90er Jahre pleite waren.
Ein verbreitetes Gefühl
Die schöne Folge war die Freiheit für alle. Die üble ein sich rasch verbreitendes Gefühl, dass mehr hätte erreicht werden könne, wäre die Friedensbewegung nur entschiedener gewesen in ihren Forderungen. Aus den Trümmern einer romantischen Bestrebung wurde ein über die Ränder der aktivistischen Organisationen hinaus verbreitetes Gefühl, dass nicht die unerbittlichen Aufrüster, sondern die eigene Widerständigkeit es gewesen sei, der man zu danken habe. Sie habe totalitäre Systeme, die Milliarden von Menschen ermordet hatten, mit ihrer Friedfertigkeit vom Nachmachen überzeugt.
Ab jetzt dürfe es deshalb, etwa ab 2010 setzte sich diese Auffassung in der deutschen Politik durch, keine Kompromisse mehr geben. Jeder müsse sich am deutschen Wesen ein Beispiel nehmen. Wer weniger moralisch handele, handele unmoralisch. Wer seine Streitkräfte nicht ebenso gezielt vergammeln lasse, sei ein Kriegstreiber. Wer Realpolitik zum eigenen Nutzen betreibe, sei kurzsichtig und böse.
Radikalisierung führt zu Spaltung
Die ideologischen Vordenker der Friedensbewegung haben es über die Jahre vermocht, die moralischen Ansprüche immer höher zu schrauben. Im Mittelpunkt ihrer Bemühungen stehen heute nicht mehr Bündnisse mit partiell Gleichgesinnten, sondern nur noch mit denen, die hundertprozentig mit allen eigenen Positionen übereinstimmen. Statt einer großen Demo, das ist aus der Geschichte der K-Gruppen in Westdeutschland bekannt, gibt es viele kleine. Die Radikalisierung führt zur Spaltung, zu immer mehr Segregation, zu Demos gegen Demos und Gegendemos.
Das Scheitern der deutschen Friedensbewegung ist nicht primär politisch, sondern moralisch. Die Hypermoral hat den Pazifismus getötet. Früher konnte man gegen den Krieg sein, ohne automatisch als Unterstützer des Feindes zu gelten. Heute ist diese Position unmöglich geworden.
Putinversteher und Kriegstreiber
Wer
Waffenlieferungen an die Ukraine kritisiert, ist ein Putinversteher.
Wer sie befürwortet, gilt als Kriegstreiber. Wer die Angriffe der USA
und Israels auf den Iran infragestellt, will keine
allgemeinverbindlichen Mneschenrechte. Wer sie für notwendig hält, ist
gegen den Frieden. Wehrtüchtigkeit ist unmoalisch. Gespräche mit
Russland snd es ebenso. Niemand kann noch für den Krieg sein und keiner
dagegen, ohne sich mitschuldig zu machen. Ein moralisches Dilemma, das
die Friedensbewegung lähmt.
Verantwortlich dafür ist die kindlich
anmutende Erwartung, die richtige Haltung allein könne Menschen und
Systeme umerziehen. Statt eines Dialoges, wie ihn westliche Regierungen
vor 40 Jahren noch mit Regimen pflegten, die andere Staaten überfielen,
Diktatoren finanzierten und im Reich der konkurrierenden Mächte Terror
finanzierten. Die Anmaßung, die höhere eigene Moral müsse das Maß aller
Dinge sein, hat zur Katatonie des Pazifismus geführt. Statt
Verhandlungen nur noch Haltung. Statt Gesprächen Sprachlosigkeit. Statt
Verhandlungen Sanktionen.
Hypermoral gegen Pazifismus
Selbst unter ehemals Gleichgesinnten wird kaum noch offen gesprochen, aus Angst, in die falsche Schublade gesteckt zu werden. Der Frieden trägt Aluhut, ideologische Gegensätze, die Außenstehende kaum mehr verstehen können, verhindern selbst in den kriegerischsten Zeiten dem Ende des Vietnamkrieges die Entstehung einer Friedensbewegung, die diesen Namen verdient.
Die Hypermoral hat den Pazifismus nicht gestärkt, sondern zerstört. Wer heute "Nie wieder Krieg" ruft, muss damit rechnen, befragt zu werden, wie er das meine. Aus einer Bewegung, die einst Millionen mobilisierte, sind damit zerstrittene, verängstigte Grüppchen geworden, die einander für weitaus gefährlicher halten als den gemeinsamen Gegner.
Und so werde auch in diesem Jahr wieder einige wenige marschieren, misstrauisch beäugt.
